{"id":179,"date":"2006-02-01T04:21:59","date_gmt":"2006-02-01T04:21:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/?p=179"},"modified":"2006-02-01T04:21:59","modified_gmt":"2006-02-01T04:21:59","slug":"in-der-wildnis-des-nordens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/?p=179","title":{"rendered":"In der Wildnis des Nordens"},"content":{"rendered":"<p>Ein Reisbericht von <a href=\"mailto:Info@nature-tours.de\">Dipl. Biol. Stefan  Pastor (von nature Tours)<\/a><\/p>\n<p>Der Bericht ist sehr umfangreich und mit vielen Bildern. Leider sind die  Bilder qualitativ nicht so besonders gut, da nur eine kleine Kamera zur  Verf\u00fcgung stand. Der Bericht selbst, ist so packend und lebendig geschrieben,  dass eigentlich kein Foto notwendig ist, um die Faszination der Wildnis zu  erleben.<\/p>\n<p>Viel Spa\u00df beim Lesen w\u00fcnschen euch Stefan &amp; viermalvier.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2>In der Wildnis des Nordens<\/h2>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-1.jpg\" border=\"0\" width=\"600\" height=\"215\" \/><\/p>\n<p>1. Der &#8222;Ruf der Wildnis&#8220;<\/p>\n<p>Es war September im Jahr 2000. Ich f\u00fchrte eine kleinen Gruppe von f\u00fcnf  Personen auf einer naturkundlichen Exkursion durch die Vildmark V\u00e4rmlands in  Schweden. Vildmark bedeutet \u00fcbersetzt Wildnis.<br \/> Wir waren mit meinem treuen  alten Land Rover auf dem Weg ins Exkursionsgebiet und wollten in Lennarts  Blockhauscamp die Nacht \u00fcber bleiben. Nach dem Abendessen machten wir es uns an  der offenen Feuerstelle im Blockhaus gem\u00fctlich. Wir unterhielten uns \u00fcber alles  m\u00f6gliche, als mich Christian, einer der Teilnehmer fragte: &#8222;Wie lange machst du  diese Wildnistouren jetzt eigentlich schon?&#8220; &#8222;Beruflich seit drei Jahren&#8220;  antwortete ich, &#8222;privat schon sehr viel l\u00e4nger.&#8220; &#8222;Da warst du aber auch noch  nicht alt, damals? Bist du da einfach abgehauen, hier hoch, oder was? Erz\u00e4hl  doch mal&#8220; forderte er mich auf. Und weil sie mehr wissen wollten, habe ich, zum  vielleicht hundertsten Mal, die Geschichte erz\u00e4hlt, wie ich dazugekommen bin,  Reisen in die Wildnis zu unternehmen.<br \/> Ich erinnere mich gerne an diesen  Anfang zur\u00fcck, und dann habe ich meine damaligen Gedanken glasklar vor Augen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>Kanada, 05.  September 1982<\/h1>\n<p>&#8222;Der Abend gestern war herrlich. Ich habe mein Nachtlager in einer kleinen  Senke an einem bewaldeten Hang in vielleicht 1500 m \u00fcber Meeresh\u00f6he  aufgeschlagen. Ich schlafe, wann immer m\u00f6glich, unter freiem Himmel, h\u00f6chstens  suche ich mal unter den ausladenden unteren &amp;AUML;sten einer Fichte oder  Tanne Schutz oder spanne bei wirklich schlechtem Wetter meinen Regenponcho als  schr\u00e4ges Dach auf.<br \/> Etwa zwei Stunden nach Mitternacht hat mich eine  ungewohnte Erscheinung geweckt. In einem Zelt h\u00e4tte ich es vielleicht auch gar  nicht bemerkt, aber so habe ich mein erstes Nordlicht gesehen! Bunte B\u00e4nder  zogen \u00fcber den Himmel, als ob er sich zu langen, halb transparenten Streifen  verdichtet h\u00e4tte, die im Wind wehen. Die leuchtenden B\u00e4nder zerfielen immer  wieder und bildeten neue Formationen.<br \/> Dabei durchliefen sie unwirklich  wirkende, teils blasse, teils leuchtende Farben. Es ist kein Wunder, da\u00df sich  Menschen fr\u00fcherer Zeiten, die in kleinen Sippen oder St\u00e4mmen diesen Bergen, Seen  und W\u00e4ldern eine Existenz abgerungen haben, solche Erscheinungen nur als von  \u00fcbernat\u00fcrlichen M\u00e4chten verursacht erkl\u00e4ren konnten.<br \/> Und jetzt bin ich hier  und konnte dieses Schauspiel genie\u00dfen. <br \/> Ich bin 19 Jahre alt und zum ersten  mal alleine auf einem fremden Kontinent unterwegs. Eine seit Kindheitstagen  vorhandene, unb\u00e4ndige Natursehnsucht hat mich schlie\u00dflich irgendwo in die Berge  zwischen den Rockies und den Cassiar Mountains im Grenzbereich British Columbia  und Yukon Territory gef\u00fchrt. <br \/> Genauer wei\u00df ich meine Position nicht, und es  interessiert mich auch gar nicht. Alles was ich diesbez\u00fcglich wissen muss ist,  dass ich mich etwa f\u00fcnf Tagesm\u00e4rsche \u00f6stlich des Cassiar Highways 37 befinde,  vielleicht auf halbem Weg der rund 240 Kilometer langen Strecke zwischen Dease  Lake und Watson Lake.<br \/> Der Highway 37 ist ein etwa 20 Pick-up-Autostunden  langes, schmales Band, \u00fcbers\u00e4t mit Schlagl\u00f6chern, das sich durch eine  unvorstellbar weite, atemberaubend spektakul\u00e4re Wildnis schl\u00e4ngelt und die  schnellste Verbindung zu dem Teil der zivilisierten Welt ist, den ich vor etwa  sieben Wochen verlassen habe.<br \/> Ich bin alleine in einer wilden, menschenleeren  Welt, in die ich mich oft hinein getr\u00e4umt hatte. Die schier endlose Weite vor  mir, Bergr\u00fccken an Bergr\u00fccken, unterbrochen von schroffen oder von sanften  T\u00e4lern mit Seen und Fl\u00fcssen bis zum Horizont, scheint mich vollst\u00e4ndig  einzunehmen.<br \/> Ich habe ein Gef\u00fchl, das einer Mischung aus Angst vor der  eigenen Courage und einer tiefen, gl\u00fccklichen Empfindung gleicht, es gewagt zu  haben, meinen Traum nicht nur zu tr\u00e4umen. Ich habe mich im Wald immer wohl  gef\u00fchlt, aber wie es dann sein w\u00fcrde, wirklich in der Wildnis zu sein, konnte  ich kaum ahnen, geschweige denn vorhersagen. Aber nun bin ich hier und auch wenn  ich mir bewusst bin, ein Chechaquo, ein &#8222;Greenhorn&#8220; zu sein, wei\u00df ich, dass ich  einen wichtigen pers\u00f6nlichen Sieg errungen habe. Ich gewinne dieser  unvorstellbar gro\u00dfen und m\u00e4chtigen Wildnis trotz aller Unsicherheit mehr  Zuversicht, Kraft und Lebensfreude ab als sie mir, im Bewusstsein meiner  Unerfahrenheit und Verwundbarkeit, Furcht einzufl\u00f6\u00dfen in der Lage ist.<br \/> Jetzt  wei\u00df ich dass den Stand an Wissen und F\u00e4higkeiten, den ich mir als Ziel gesetzt  habe, erreichen kann.&#8220;<\/p>\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-2.jpg\" border=\"0\" width=\"208\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p>Das waren meine Gedanken damals, festgehalten in meinem Tagebuch.<\/p>\n<p>Heute,  fast zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter, kann ich als Zwischenbilanz festhalten, dieser Weg,  den ich damals eingeschlagen hatte, ist der richtige f\u00fcr mich gewesen. Ich  dachte mir, die besten Chancen, die Welt zu verstehen h\u00e4tte ich, wenn ich das  intuitive Wissen eines Naturmenschen mit den Erkenntnissen der modernen  Wissenschaften vereinen k\u00f6nnte. Nat\u00fcrlich habe ich mein Ziel noch lange nicht  erreicht, aber bisher habe ich zusammengenommen mehrere Jahre meines Lebens in  den W\u00e4ldern Kanadas und Skandinaviens verbracht und als ich es an der Zeit fand,  habe ich Naturwissenschaften studiert.<br \/> Ich war alleine in der Wildnis, mit  Freunden oder habe Gruppen gef\u00fchrt. Tagebuch schreibe ich schon lange nicht  mehr, jenes Leben dort drau\u00dfen ist mir so vertraut wie das hier im Kreis meiner  Familie. Alles, was die Natur an Empfindungen im einsamen Wildniswanderer zu  wecken vermag habe ich unz\u00e4hlige Male durchlebt.<br \/> Heute bin ich Pendler  zwischen diesen beiden Welten, aber geblieben ist eine Begeisterung wie am  ersten Tag f\u00fcr die ungez\u00e4hmte Wildheit der Natur.<br \/> F\u00fcr alle unter euch, die  \u00e4hnlich f\u00fchlen wie ich damals oder heute, m\u00f6chte ich diese Geschichte in  Kurzform aufschreiben, ein wenig von dieser Welt da drau\u00dfen erz\u00e4hlen und euch  einladen, mit mir zusammen eine kleine Wanderung in die Weite des Nordens zu  unternehmen. Wo diese Wanderung tats\u00e4chlich stattfinden w\u00fcrde, ob in Schweden,  Kanada, Sibirien oder irgend wo sonst im borealen G\u00fcrtel, ist eigentlich  ziemlich egal, die W\u00e4lder sind sich alle \u00e4hnlich und nur ihre menschlichen  Bewohner wissen von den politischen Grenzen.<\/p>\n<h1>\n<hr title=\"2. Der Weg nach Nordwesten\" alt=\"2. Der Weg nach Nordwesten\" class=\"system-pagebreak\" \/>\n<\/h1>\n<h1>2. Der Weg nach  Nordwesten<\/h1>\n<p>Einem Guide muss man sich anvertrauen k\u00f6nnen, auch auf einer nur erz\u00e4hlten  Reise. Den einen oder anderen n\u00e4mlich m\u00f6gen solche Geschichten vielleicht dazu  ermutigen, selbst einen lange gehegten Reisetraum in die Tat umzusetzen, und da  m\u00fcssen sie, wenn auch aus Platzgr\u00fcnden mit vielen L\u00fccken behaftet, so sorgf\u00e4ltig  erz\u00e4hlt werden wie eine wirkliche Tour durchgef\u00fchrt werden sollte. Darum m\u00f6chte  ich mich kurz vorstellen, damit ihr wisst, wer das eigentlich ist, der diese  Zeilen geschrieben hat.<\/p>\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-3.jpg\" border=\"0\" width=\"300\" height=\"190\" \/><\/p>\n<p>Geboren bin ich im Winter des Jahres 1962. Bereits bei Schuleintritt war mir  klar, dass ich Waldl\u00e4ufer oder Naturforscher werden wollte.<br \/> Ich war viel im  Wald unterwegs und Tiersendungen im Fernsehen habe ich mir selten entgehen  lassen. Mein schulischer und beruflicher Werdegang hat mich aber zun\u00e4chst in  eine technische Richtung gef\u00fchrt. Die Sehnsucht, die Wildnis kennen zu lernen  hatte ich aber immer in mir, und die Frage, ob ein moderner Mensch noch genug  vom Erbe seiner Urahnen in sich tr\u00e4gt, um sich in echter Wildnis mit m\u00f6glichst  wenig Hilfsmitteln zurechtzufinden, hat mich nicht losgelassen und wurde im  Laufe der Jahre immer st\u00e4rker.<br \/> Das Wissen, das dazu n\u00f6tig w\u00e4re, sich in der  Wildnis zurechtzufinden, konnte mir in der zivilisierten Welt aber niemand  vermitteln und so habe ich beschlossen, sozusagen in der Natur selbst noch  einmal zur Schule zu gehen. Es war mir dann zwar \u00fcberhaupt nicht wohl in meiner  Haut, als ich am 24. Juli 1982 alleine in ein Flugzeug nach Vancouver stieg,  aber ich konnte nicht anders. Es war meine erste gro\u00dfe Reise. Ich hatte seit  jeher eine starke Bindung zu meiner Familie, aber, so kitschig es auch klingen  mag, der &#8222;Ruf der Wildnis&#8220; war st\u00e4rker als alles andere.<\/p>\n<p> Ich hatte  schlecht geschlafen in der Nacht vor der Abreise und der Abschied von meinen  Eltern, Gro\u00dfeltern und Freunden war schmerzhaft.<br \/> Ehrlich gesagt, ich hatte  keine Ahnung, was ich tun w\u00fcrde, wenn ich erst &#8222;dr\u00fcben&#8220; w\u00e4re oder was mich  erwarten sollte. Bis vor kurzem war ich mit meiner Gesellenpr\u00fcfung besch\u00e4ftigt  gewesen. Ich hatte eine Einreise-Kurzinfo gelesen, ansonsten wusste ich wenig  Aktuelles vom Land. Um es vorweg zunehmen, ich war in vielen Dingen eher l\u00e4ssig  vorbereitet und auch ziemlich naiv. Meine Vorstellung vom zivilisierten Teil  Kanadas h\u00e4tte doch besser in die Zeit um 1900 gepasst als in unsere.<br \/> Aber was  solls, ich war jung und enthusiastisch und ich war schlie\u00dflich nicht der erste,  den die Realit\u00e4t so ein bisschen den Kopf zurechtger\u00fcckt hat. Insgesamt gesehen  habe ich aber auf jeden Fall das Kanada gefunden, das ich gesucht hatte.  Naturkundlich kannte ich mich besser aus, aber das brachte mir im Moment auch  nicht viel. Ich versuchte, die wirre Mischung aus Jack London Geschichten, Bob  Dylan Songs, Tierreportagen , Zivilisationsm\u00fcdigkeit, Survivaltips aus B\u00fcchern,  bisherigen eigenen Wandererfahrungen und Abschiedsschmerz irgendwie  auszusortieren und mir langsam zu \u00fcberlegen, was ich denn tun w\u00fcrde nach meiner  Ankunft. Ich hatte ein Ticket f\u00fcr den R\u00fcckflug in 3 Monaten dabei und 2500  kanadische Dollar, verteilt an mehreren strategischen Stellen am K\u00f6rper und in  der Kleidung. Dass ich mit dem Geld auch ohne teure \u00dcbernachtung in Motels oder  Jugendherbergen sparsam sein musste, war klar, es war alles was ich  hatte.<br \/> Auch kostspielige Fortbewegungsmittel schieden weitgehend aus. Alles  was ich wollte, war, so schnell wie m\u00f6glich in die Wildnis zu gelangen und so  wie ich die Sache sah, war trampen wohl die einzig praktikable L\u00f6sung. Der  Vorteil war, ich w\u00fcrde Leute kennen lernen und etwas \u00fcber das Land und das Leben  hier erfahren. Wenn ich Gl\u00fcck hatte, w\u00fcrde ich vielleicht sogar jemanden zu  finden, von dem ich etwas \u00fcber &#8222;living of the land&#8220; im Busch lernen  konnte.<br \/> Immerhin hatte ich nun einen Plan, doch w\u00e4hrend des gesamten Fluges  auch ein recht flaues Gef\u00fchl im Bauch. Dieses Gef\u00fchl \u00e4nderte sich auch nicht  gerade zum Besseren, als die Maschine der Air Canada gegen 16:00 zur Landung in  der Zwei-Millionen-Stadt Vancouver ansetzte.<br \/> Ich komme aus einer Kleinstadt,  in der es damals noch nicht einmal eine Ampel gab und meine einzige vorherige  Begegnung mit einer Gro\u00dfstadt war die Fahrt zum Flughafen in Frankfurt  gewesen.<br \/> Aber ich hatte nicht viel Zeit zu denken, ich musste erst die  Einreiseformalit\u00e4ten hinter mich bringen. Die Immigration Officer waren sehr  freundlich und als ich dann endlich im Freien auf kanadischem Boden stand, waren  erst einmal alle Sorgen vergessen. Trotz meiner M\u00fcdigkeit aus mittlerweile  eineinhalb schlaflosen Tagen stellte sich ein ordentlicher Motivationsschub  ein.<br \/> Buchtitel wie &#8222;Abenteuer des Schienenstranges&#8220; gingen mir durch den  Kopf, &#8222;Alaska kid&#8220; und &#8222;Nordlandgeschichten&#8220;. W\u00fcrde schon werden, mein  pers\u00f6nliches Nordland-Abenteuer konnte beginnen!<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<hr title=\"3. Zwei Millionen ist einer zu viel\" alt=\"3. Zwei Millionen ist einer zu viel\" class=\"system-pagebreak\" \/>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>3. Zwei Millionen ist einer zu viel<\/h1>\n<p>Ganz klar, ich wollte raus aus der Stadt, unbedingt, heute noch. Ich stieg in  den Stadtbus nach Downtown Vancouver (selbst Stadtbus fahren war mir Landei  neu!) und habe versucht, in der richtigen Reihenfolge das Richtige zu tun. Dabei  habe ich auch meine erste Lektion in &#8222;Unterwegs sein in fremden St\u00e4dten&#8220;  gelernt: Wenn ein Klo vorhanden ist, nutze es, wer wei\u00df, wann das n\u00e4chste  kommt!&#8220; Die Frage nach einer Toilette rutschte im Laufe der Fahrt allm\u00e4hlich  ganz nach oben auf meiner Wunschliste und ich war dann recht froh, endlich am  Busbahnhof anzukommen.<br \/> Ich bin dann noch kurz einkaufen gegangen und nach  einer Weile fragte ich zuerst mich und dann den n\u00e4chstbesten Busfahrer wie ich  denn am besten aus der Stadt kommen w\u00fcrde und er sagte: &#8222;Mit mir, Junge. Ich  habe noch eine halbe Stunde Mittagspause, steig ein, ich bring&#8216; dich zum  Stadtrand&#8220;.<br \/> So bekam ich eine Gratis-Stadtrundfahrt, und stellte fest, dass  Vancouver eine sehr sch\u00f6ne Lage hatte. Fast von \u00fcberall aus konnte man die  umliegenden Berge sehen.<br \/> Nachdem mir der Fahrer &#8222;Good luck&#8220; gew\u00fcnscht hatte,  stellte ich mich an die Stra\u00dfe und hielt den Daumen raus. Und ich hatte Gl\u00fcck,  mein erster &#8222;Ride&#8220; brachte mich direkt ins Gr\u00fcne.<br \/> Da es auch schon dunkel  war, legte ich mich auf eine kleine Lichtung im angrenzenden Wald und holte erst  einmal ausgiebig Schlaf nach.<\/p>\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-4.jpg\" border=\"0\" width=\"300\" height=\"197\" \/>&lt;&gt;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen \u00fcberlegte ich, wie ich jetzt am besten weiter machen  sollte.<br \/> Der Osten interessierte mich nicht so sehr, ich wollte in den  gebirgigen Westen und nach Norden. Ich hatte mir \u00fcberlegt, dass es im hohen  Norden ja fr\u00fch im Jahr Winter werden w\u00fcrde. Daf\u00fcr war ich nicht  ausger\u00fcstet.<br \/> \u00dcberhaupt war meine Ausr\u00fcstung recht, na ja, nennen wir es  \u00fcbersichtlich: sie bestand aus einer Garnitur kurzer und langer Unterw\u00e4sche,  zwei Paar Socken, einem \u00e4rmellosen Wollunterhemd, einer selbstgen\u00e4hten  Lederhose, einem Baumwollhemd, einer Lederjacke, M\u00fctze, Hut und Wanderstiefeln.  Weiterhin hatte ich einen d\u00fcnnen Sommerschlafsack, ein Fahrtenmesser, eine  zweieinhalbpf\u00fcndige Axt, Streichh\u00f6lzer, eine Winchester &#8222;thirty-thirty&#8220; ( es war  damals keine besondere Genehmigung f\u00fcr den Besitz von Jagdwaffen n\u00f6tig, die &#8222;Gun  License&#8220; die ich zum F\u00fchren des Gewehrs brauchte, gabs im Sportgesch\u00e4ft und  kostete 7 Dollar), 100 Schuss Munition, Feldflasche, 30m Kletterseil,  Fotoapparat, Tagebuch, Stift, Zahnb\u00fcrste, N\u00e4hzeug, einen Taschenkalender, eine  \u00dcbersichtskarte und einige Fotos von zuhause dabei, au\u00dferdem ein Buch eines  damals bekannten deutschen Weltreisenden und J\u00e4gers, das im Rahmen von  Jagdgeschichten beschrieb, wie man in der Wildnis \u00fcberlebt ( Die  \u00dcberlebenstricks haben sich in der Praxis als v\u00f6llig unbrauchbar erwiesen, aber  immerhin lie\u00df es sich gut lesen, hat die Stimmung in der Wildnis recht  anschaulich wiedergegeben und richtig Laune aufs loslaufen gemacht ).<br \/> Das  ganze habe ich in einem Baumwoll-Rucksack verstaut und auf eine Alu-Kraxe  gebunden.<br \/> Insgesamt spiegelte die Ausr\u00fcstung zwar zum einen eine gewisse  Erfahrung aus l\u00e4ngeren Wanderungen in den heimischen W\u00e4ldern wider, zum anderen  aber auch eine Menge Unerfahrenheit, was denn Aufenthalt in der Wildnis  anbelangte: Die Axt hatte eine ung\u00fcnstige Form, die Munition war viel zu viel  und zu schwer, das Kaliber f\u00fcr die gelegentliche Jagd auf kleines Wild zum  Nahrungserwerb eher zu stark, die Kraxe zu unpraktisch, das Messer zu gro\u00df und  unhandlich und das Seil viel zu lang und zu dick. Immerhin hatte ich nichts  wirklich Unbrauchbares dabei und z\u00e4hlte au\u00dferdem in unersch\u00fctterlichem Vertrauen  auf mein Improvisationstalent und die Bereitschaft, die Dinge so zu nehmen, wie  sie eben kommen w\u00fcrden.<br \/> Damals wie heute war mir zuviel Besitz eher  hinderlich und wenn ich alleine in den Busch gehe, dann m\u00f6chte ich den Puls der  Wildnis sp\u00fcren k\u00f6nnen und mich m\u00f6glichst wenig abgrenzen.<br \/> Also, wie gesagt,  ich wollte hoch nach Norden und mir den Westen Kanadas von Norden nach S\u00fcden  ansehen. Ich nahm mir die einzige Karte vor, die ich dabei hatte, nicht gerade  eine Wanderkarte, sondern eine \u00dcbersicht \u00fcber ganz Kanada im Ma\u00dfstab 1 : 5 300  000. Ich orientierte mich kurz auf dem Papier und wie in Leuchtschrift sprangen  mir die Worte DAWSON CITY , etwa 1900 km Luftlinie (!) von Vancouver, kurz vor  der Grenze nach Alaska gelegen, ins Auge. Klar doch, Dawson City, Yukon River,  Alaska, Goldrausch, schwingende Saloont\u00fcren, Trapper und Indianer.<br \/> Ich  \u00fcberlegte mir kurz, da\u00df ich im Ma\u00dfstab auf der Karte etwa einskommazwei  zehntausendstel Millimeter gro\u00df gewesen w\u00e4re, und machte mich auf den etwa einen  halben Meter langen Weg.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<hr title=\"4. Go north, young man!\" alt=\"4. Go north, young man!\" class=\"system-pagebreak\" \/>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2>4. Go north, young man!<\/h2>\n<p>Mit dem alten Pionierspruch auf den Lippen streckte ich den Daumen in den  Wind.<br \/> So verging die n\u00e4chste Zeit, und nach einer knappen Woche hatte ich  mich daran gew\u00f6hnt, dass zwischen den Ortschaften meist Entfernungen von  mehreren hundert Kilometern lagen und mein durchschnittlicher Lagerplatz im  Busch einige Autostunden von der n\u00e4chsten Stadt entfernt lag.<br \/> Die Welt war  gro\u00df und herrlich und ich f\u00fchlte mich wie ein moderner Hobo, jene Helden meiner  Kindheit, die den amerikanischen Kontinent an und unter Z\u00fcgen h\u00e4ngend oder auf  deren D\u00e4cher liegend durchquerten.<br \/> Eines Tages hielt mal wieder ein staubiger  Pick-up Truck (ich war inzwischen auf der Alaska Hiway unterwegs, und die war  damals noch nicht geteert) und Ed, der Vorarbeiter eines nahegelegenen  Holzf\u00e4llerlagers lud mich ein, meinen Rucksack auf die Ladefl\u00e4che zu werfen und  einzusteigen. Er meinte, sie h\u00e4tten im Camp mit einem B\u00e4ren Probleme gehabt, und  in einer darauffolgenden Auseinandersetzung w\u00e4re der B\u00e4r angeschossen geworden.  &#8222;Pack mal lieber dein Gewehr aus&#8220;, riet er mir, bevor er in eine Seitenstra\u00dfe  zum Lager einbog, das sei zwar nicht erlaubt auf dem Hiway, aber &#8220; who fuckin&#8216;  cares, better a bad guy than a dead guy&#8220; der Grizzly k\u00f6nne sich noch hier  herumtreiben und sei sicher gef\u00e4hrlich in seinem Zustand.<br \/> Ich nahm mir seinen  Rat zu Herzen, setzte mich auf meinen Rucksack und wartete etwa zwei Stunden  etwas verspannt mit dem Gewehr quer \u00fcber den Knien bis ich das n\u00e4chste Auto  h\u00f6rte.<br \/> Inzwischen war es auch schon fast dunkel geworden, und die  B\u00e4rengeschichte hat mich doch ziemlich unruhig warten lassen. Ich hatte absolut  keine Lust, hier zu \u00fcbernachten und deshalb stellte ich mich halb in die  Fahrbahn und machte den Fahrer des sich n\u00e4hernden Autos durch Winken auf mich  aufmerksam.<br \/> Auf die Idee, dass meine Geste, im Halbdunkel an der Stra\u00dfe zu  stehen, und mit der einen Hand zu winken, w\u00e4hrend ich in der anderen eine  Winchester hielt, irgendwie missverstanden werden k\u00f6nnte, kam ich in meiner  Erleichterung, jenem seinerseits sicher ziemlich ungl\u00fccklichen B\u00e4ren zu  entkommen, gar nicht. Wohl aber der Fahrer. Er stoppte das Auto vor meinen F\u00fc\u00dfen  mit einer Vollbremsung in einer Staubwolke und hielt die H\u00e4nde in H\u00f6he seines  Gesichtes etwa einen Viertelmeter vom Lenkrad weg.<br \/> &#8222;Excuse me please&#8220;, sagte  ich h\u00f6flich durch das offene Fenster der Beifahrerseite, noch immer vollkommen  unbedarft, &#8222;can you give me a lift?&#8220; &#8222;Sure, throw your stuff in the back&#8220;  presste der Fahrer angespannt hervor, und dann erleichtert &#8222;dammed, you guy  scared the shit out of me, I thought this is a hold-up!&#8220;<br \/> Jetzt erst begriff  ich, bin eingestiegen und habe mich tausendmal entschuldigt.<br \/> Es ist schon  erstaunlich, wie d\u00e4mlich man sein kann, wenn man ohne Erfahrung vollst\u00e4ndig  damit ausgelastet ist, sich in ungewohnten Situationen zurechtzufinden.<br \/> Am  n\u00e4chsten Truck Stop lud ich ihn auf eine Tasse Kaffe und ein Sandwich ein. Es  war ein junger Kerl, vielleicht 25, und wir hatten uns gut verstanden. Wir haben  noch viel gelacht, w\u00e4hrend der n\u00e4chsten sechs Stunden gemeinsamer Fahrt.<br \/> Ich  habe immer w\u00e4hrend des Trampens darauf geachtet, lieber zwischen zwei  Ortschaften auszusteigen, als nachts in einer Stadt festzusitzen. Der Hiway war  zu dieser Zeit ideal f\u00fcr mich. Ich hatte einerseits die R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeit zur  Zivilisation, konnte einkaufen, und die Sicherheit, dort auch immer wieder  Menschen treffen zu k\u00f6nnen, andererseits war dieses Schotterband kaum mehr als  eine (ziemlich abenteuerlich) befahrbare, meist so um die 200 bis 500 km lange  Verbindung zwischen zwei Ortschaften.<\/p>\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-5.jpg\" border=\"0\" width=\"300\" height=\"197\" \/><\/p>\n<p>Ich habe immer tiefere Wanderungen von der Stra\u00dfe aus in den Busch  unternommen, das war echte Wildnis, und habe mich so an die Weite des Landes und  an die totale Eigenverantwortung f\u00fcr mich selbst gew\u00f6hnt. Es ging mir gro\u00dfartig  und mit der Einsamkeit und den Heimwehattacken kam ich auch immer besser  zurecht.<br \/> Ich bin dann also hochgetrampt nach Dawson, das damals noch recht  verwahrlost war. Auf den Stra\u00dfen war nichts los, nur ein J\u00e4ger oder Trapper, der  ein Gewehr \u00fcber der Schulter trug und einen abgewetzten Rucksack auf dem R\u00fccken,  ging, begleitet von einem Hund, mitten auf der Stra\u00dfe. War schwer zu sagen, ob  er gerade aus dem Wald gekommen war oder sich eben auf dem Weg dorthin zur\u00fcck  machte.<br \/> Die Stadt sah genauso alt und benutzt aus wie sein Rucksack, und ich  fand es einfach klasse. Das hier war echt, ein Relikt der Geschichte.<br \/> Am Ufer  des Yukon, gleich am Stadtrand, dort wo auf alten Bildern die Zelte der  Neuank\u00f6mmlinge zur Zeit des Goldrausches zu sehen sind, habe ich aus Treibholz  und meinem Regenponcho eine notd\u00fcrftige Unterkunft gebaut. Dann bin ich in den  Westminster Saloon gegangen und habe mir ein Bier geg\u00f6nnt.<br \/> Die lebendige  Geschichte habe ich aber wohl doch etwas gro\u00dfz\u00fcgig interpretiert, denn nach  Vorbild des J\u00e4gers, den ich gesehen hatte, habe ich mein Gewehr mit in die  Kneipe genommen, wo h\u00e4tte ich es auch lassen sollen? Die Handvoll anderer G\u00e4ste,  ziemlich verwegen aussehende Typen, haben kaum zu mir hergesehen, als ich durch  die Eingangst\u00fcr kam, nur der Wirt sagte mir, als er dann mein Bier brachte, es  sei \u00fcblich, Waffen an der Theke abzugeben. Die Polizei (es gab nach Auskunft  eines Beamten der RCMP Dawson, der Royal Canadian Mounted Police, mit dem ich  sp\u00e4ter einmal etwas geplaudert habe, \u00fcbrigens erst seit den 60er Jahren eine  Polizeistation hier oben) s\u00e4he das ohnehin nicht so gerne, wo das offene Tragen  von Waffen ja eigentlich verboten w\u00e4re. Ich reichte ihm mein Gewehr und er  stellte es in eine Ecke zu einigen anderen.<br \/> Ich hatte Gl\u00fcck in meiner  Naivit\u00e4t, ginge man heute so in ein Lokal ins mittlerweile f\u00fcr den Tourismus  aufpolierte Dawson, w\u00fcrde man vermutlich sofort verhaftet. Damals war das zwar  genauso illegal, aber das Leben dort oben war doch noch &#8222;pretty loose&#8220;, wie mich  &#8222;Wild Bill&#8220;, der im Sommer auf der kleinen F\u00e4hre arbeitete und am Stadtrand  unter einer 12 Quadratmeter gro\u00dfen Plastikplane mit seiner indianischen Frau  lebte, wissen lie\u00df. Und einen \u00e4lteren Indianer, den ich gefragt habe, ob er  wisse, wie sp\u00e4t es eigentlich sei (ich hatte ja keine Uhr dabei) meinte  freundlich: &#8222;Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich meine es ist  Samstag&#8230;&#8220;<br \/> Daf\u00fcr, dass es eine Stadt im zwanzigsten Jahrhundert war, hat es  mir wirklich gut gefallen, damals dort oben.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<hr title=\"5. Goldsucher und andere Abenteurer\" alt=\"5. Goldsucher und andere Abenteurer\" class=\"system-pagebreak\" \/>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2>5. Goldsucher und andere Abenteurer<\/h2>\n<p>Ich habe mich also eine Weile in und um Dawson herumgetrieben, bin in  Indianercamps im Busch und von Goldsuchern am Bonanza Creek eingeladen worden  und habe etliche interessante Leute kennen gelernt, die mit zum Teil recht  abenteuerlichen Booten den Yukon hochgefahren sind. Meist waren sie auf dem Weg  nach Alaska, um nach Gold zu suchen, und haben in Dawson einen Stop  eingelegt.<br \/> Goldgr\u00e4ber, die aus Alaska kamen, hatten h\u00e4ufig Revolver oder  Pistolen (die in Alaska legal, in Kanada aber illegal waren) im Hosenbund,  Rucksack oder im Handschuhfach ihrer Pick-ups.<br \/> So richtig st\u00f6rte sich da auch  niemand dran, es kam auch nie mal ein Polizist &#8218;runter um irgendwas zu  kontrollieren.<br \/> Am Strand des Yukon brannten jede Nacht so vier, f\u00fcnf  Lagerfeuer, obwohl es wegen der n\u00f6rdlichen Breite nicht lange dunkel war und es  herrschte ein t\u00e4gliches Kommen und Gehen. Fremde wurden Freunde oder suchten  &#8222;Gesch\u00e4ftspartner&#8220;, Freunde zerstritten sich dar\u00fcber, zu welchen Anteilen der  zuk\u00fcnftige Reichtum aufzuteilen w\u00e4re und allerlei Geschichten wurden erz\u00e4hlt.  Meist hielten sich so um die zehn Leute am Strand auf. Immer wieder habe ich an  Orten wie diesem hier in der Folgezeit Vietnam-Veteranen kennen gelernt, die  sich nie wieder in der Gesellschaft zurechtgefunden hatten und die oft ohne ein  wirkliches Ziel das Land durchstreiften.<br \/> Ich war damals immer der j\u00fcngste,  die n\u00e4chsten waren so Anfang zwanzig, und die alten K\u00e4mpen fanden das gut, dass  wir schon unterwegs waren.<br \/> Au\u00dfer Kanadiern und Amerikanern, die das Gros  ausmachten, traf man Schweden, Polen, Norweger, selten auch andere  Nationalit\u00e4ten und ab und an mal einen deutscher Abstammung.<br \/> Alle diese Leute  waren wochenlang auf ihrem Weg zum Gl\u00fcck durch die Wildnis gereist, und viele  hatten interessante Lebensl\u00e4ufe zu berichten. Sie hatten definitiv den Geist der  alten Pioniere in sich und schlugen sich irgendwie mit einem Mischmasch an  legalem Jagen, Wildern, Goldsuchen und Gelegenheitsjobs durch, aber keiner den  ich kennen lernte, kannte sich wirklich aus oder versuchte das Leben da drau\u00dfen  zu verstehen.<br \/> Ich wiederum interessierte mich nicht besonders f\u00fcr Gold und  nachdem ich gen\u00fcgend \u00fcber faustgro\u00dfe Nuggets geh\u00f6rt hatte, die sonst wo vermutet  wurden und warum diese M\u00e4nner ihre Frauen verlassen hatten, fand ich, es war an  der Zeit, weiter zu ziehen.<br \/> Ich genoss die abenteuerliche Gesellschaft, aber  ich begann, mich nach der Stille der einsamen Wanderungen zu sehnen.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-6.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt war die ganze Goldgr\u00e4berei Umweltvernichtung erster G\u00fcte. Die haben  mit riesigen Pumpen ganze W\u00e4lder einfach weggewaschen. Vorne war Wald, dann kam  die Front der Goldsucher wie ein Schwarm Wanderheuschrecken, und hinter ihnen  blieb der nackte Kies als Abraum \u00fcbrig. Zusammen haben die Fl\u00e4chen umgegraben,  da h\u00e4tte man etliche deutsche Bundesl\u00e4nder daraus machen k\u00f6nnen.<br \/> Am fr\u00fchen  morgen des n\u00e4chsten Tages ging ich am Ortsschild der Stadt vorbei, auf der  Stra\u00dfe, die mich vom Polarkreis wieder weiter wegbringen w\u00fcrde.<br \/> Die n\u00e4chsten  drei Wochen vergingen damit, langsam Richtung S\u00fcden zu trampen, wieder  unterbrochen von M\u00e4rschen, die immer ein St\u00fcckchen weiter in den Busch  f\u00fchrten.<br \/> Das Land war unglaublich sch\u00f6n, aber nirgends wollte ich l\u00e4nger  bleiben, es hat mich immer weiter getrieben.<br \/> Irgendwann kam ich auf meinem  Weg nach S\u00fcden durch Muncho Lake, einem Ort an der Hiway 97 im n\u00f6rdlichen B.C.  Ich hatte gerade eine achtst\u00fcndige Fahrt im Regen auf der offenen Ladefl\u00e4che  eines Pick-ups hinter mir und war, trotz dem ich mich mit dem anderen Passagier,  dem etwa bernhardinergro\u00dfen Hund des Fahrers, zu einem gro\u00dfen Kn\u00e4uel  zusammengerollt hatte, v\u00f6llig ausgefroren.<br \/> Als wir in Muncho Lake ankamen,  war es etwa eine Stunde vor der Abendd\u00e4mmerung.<br \/> Muncho Lake bestand, soweit  ich sehen konnte, im wesentlichen aus einer Tankstelle, einem Cafe, einem  Jagdcamp, einigen bewohnten und etlichen verlassenen H\u00fctten etwas abseits an der  Stra\u00dfe.<br \/> Ich bedankte mich beim Fahrer f\u00fcr den Ride und ging in die Gaststube.  Ich war der einzige Gast, und obwohl ich mich in erster Linie aufw\u00e4rmen wollte,  fiel es mir doch recht angenehm auf, eine h\u00fcbsche, weibliche Bedienung in meinem  Alter hinter dem Tresen vorzufinden. Um der Wahrheit gen\u00fcge zu tun: Mir sind  fast die Augen &#8218;rausgefallen. Noch erfreuter war ich, als sie, trotzdem ich  inzwischen durch die Reise schon ziemlich Patina angesetzt hatte, an meinen  Tisch kam, mir unaufgefordert einen Kaffee brachte und sich setzte.<br \/> Nun hatte  ich bis dahin nur sehr selten Kaffee getrunken, auf Geburtstagen oder wenn es  sich sonst nicht vermeiden lie\u00df, aber ich wollte ihn nicht ablehnen.<br \/> Sie war  sehr nett und sah auch noch klasse aus, und das brachte mich nach den ganzen  Wochen, in denen ich kaum mal eine Frau auch nur von weitem gesehen hatte, doch  einigerma\u00dfen durcheinander. Bis dahin hatte ich kein Problem, alleine zu sein,  ich hatte gerade eine gescheiterte Beziehung hinter mir und war eigentlich ganz  froh, nichts Frauen\u00e4hnliches um mich zu haben. Doch wir haben uns prima  unterhalten und ich stellte fest, dass ich dann doch gelegentlich M\u00fche hatte,  ihr einigerma\u00dfen konzentriert zuzuh\u00f6ren und gedanklich nicht zu weit  abzuschweifen.<br \/> Sie goss immer wieder Kaffee nach, den ich genau so wenig  ablehnen wollte, und nach der vierten Tasse hatte ich langsam ernstlich  Bedenken, ob ich wohl je wieder w\u00fcrde schlafen k\u00f6nnen. Pl\u00f6tzlich meinte sie:  &#8222;Feierabend! Ich habe eine kleine Sauna, hast du Lust mit zu kommen?&#8220;. \u00c4hhhhhhh,  wie? Ich wei\u00df nicht warum, eigentlich war ich alles andere als abgeneigt, aber  just in dem Moment schoss mir der Beziehungsstress der letzten Monate vor meiner  Abreise durch den Kopf, und bevor ich \u00fcberhaupt nachdenken konnte, sagte ich.  &#8222;Oh, wirklich gerne, eigentlich schon, aber leider muss ich jetzt los&#8220;.<br \/> Sie  hat mich angesehen als sei ich nicht ganz richtig im Kopf, und ich wusste im  gleichen Moment, sie hat recht! Ich muss jetzt los, wohin denn und warum?  Drau\u00dfen ist es stockfinster und ich habe noch gut sechs Wochen Zeit, bis mein  Flugzeug geht.<br \/> Ich habe dann versucht, das Beste draus zu machen, habe mich  bedankt, meine Sachen genommen und bin rausgegangen, als ob es jetzt halt  unbedingt so sein m\u00fcsste und ich gar nichts daf\u00fcr kann.<br \/> Die T\u00fcr fiel hinter  mir ins Schloss und ich bin stehen geblieben und habe ganz leicht mit der Stirn  gegen einen der Dachpfosten geklopft, aber zum Umkehren war es zu sp\u00e4t.<br \/> Ich  bin dann ein paar hundert Meter in den Wald gegangen, habe mich hingelegt und  \u00fcber meine Dummheit ge\u00e4rgert. Dazu hatte ich dann auch reichlich Zeit, weil ich  wegen des vielen Kaffees bis zum Morgen kein Auge zugemacht habe.<br \/> Zwei Jahre  sp\u00e4ter kam ich \u00fcbrigens wieder an dieser Stelle vorbei und ich konnte nicht  widerstehen und habe durch die T\u00fcr mal vorsichtig ins Lokal geschielt. Sie war  immer noch da und sah noch genau so klasse aus.<br \/> Da der Laden aber wegen eines  Reisebusses, der Pause machte, brechend voll war, bin ich nicht hineingegangen.  Ich war auch nicht mehr dort seitdem.<\/p>\n<p> Eines Tages kam ich dann nach  Williams Lake, einer Stadt in B.C. und stand an einer gro\u00dfen Kreuzung. Die eine  Stra\u00dfe ging in Richtung Vancouver, doch soweit nach S\u00fcden wollte ich noch nicht,  der Osten interessierte mich nicht, von Norden kam ich gerade, also blieb nur  Westen.<br \/> Bei der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde habe ich mir dann eine Jagdlizenz f\u00fcr  kleines Wild in British Columbia sowie eine Angellizenz besorgt, im Gegensatz zu  heute war das kein Problem damals und kostete 34 Dollar.<br \/> Ich hatte kein  konkretes Ziel, als ich mich an die Stra\u00dfe stellte. Der Zufall f\u00fchrte mich dann  ins etwa 200 km weit entfernte Nemiah Valley.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-7.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Roy, so hie\u00df der Indianer, der mich mitgenommen hatte, lie\u00df mich am Westende  des Tals aussteigen und sagte mir, dass es hier das Reservat der Xeni gwet&#8217;in  (sprich: Hanni kotin) gab und die Gegend ansonsten so gut wie unbewohnt  war.<br \/> Ich bin dann noch etwa 3 Stunden gewandert und kam schlie\u00dflich am Ufer  eines gro\u00dfen Sees, dem Chilko Lake an, der inmitten gewaltiger Gebirgsmassive  lag.<br \/> Der Anblick verschlug mir den Atem. Das war der Platz, nachdem ich  gesucht hatte. Wenn ich mir vorgenommen hatte, in der Natur in die Schule zu  gehen, so war dies hier mein Klassenzimmer.<br \/> Ich suchte mir eine geeignete  Stelle f\u00fcr ein Camp am Strand und begann sozusagen sofort mit meinem  Unterricht.<br \/> Ich bin das Seeufer entlang gewandert und in die Berge gegangen.  Ich habe mir Notunterk\u00fcnfte aus Zweigen gebaut, habe ausprobiert, auch im Schnee  der h\u00f6heren Lagen ohne Schlafsack zu schlafen und dabei Tricks gelernt, wie etwa  am Lagerfeuer erhitzte hei\u00dfe Steine als &#8222;W\u00e4rmflaschen&#8220; zu benutzen.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-8.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Ich habe Tiere beobachtet, wilde Kartoffeln und Zwiebeln gegessen und dazu  Fichtennadel-Tee getrunken und nach einer Weile habe ich nachts Holz nachgelegt,  ohne richtig wach zu werden und bevor das Lagerfeuer ausgegangen war. Ich habe  meine ersten Fische gefangen und Wildh\u00fchner gebraten.<br \/> Die Abende alleine am  Lagerfeuer waren mir bald so vertraut, dass ich es mir kaum vorstellen konnte,  es w\u00e4re jemals anders gewesen.<br \/> Wild habe ich anfangs nur recht wenig gesehen,  es ist nicht so, dass sich hier Tierherden dr\u00e4ngeln wie in der Serengeti, aber  mit der Zeit hatte ich einige Beobachtungen zusammen: Elche, Adler, Raben,  Biber, Murmeltiere, Baumstachler, Wei\u00dfwedelhirsche und so einiges mehr und  irgendwann auch meinen ersten Schwarzb\u00e4ren.<br \/> Der stand pl\u00f6tzlich so da, etwa  15 Meter vor mir, wie aus dem Boden gewachsen. Er ist einfach aus den B\u00fcschen  aufgetaucht. Und weil B\u00e4ren nicht sehr gut sehen k\u00f6nnen und der Wind ung\u00fcnstig  f\u00fcr ihn stand, hat er sich auf die Hinterbeine erhoben und mich ein paar  Sekunden lang taxiert.<br \/> Mir ist fast das Herz stehen geblieben und als es  langsam wieder anfing, ordentlich zu funktionieren hat sich der B\u00e4r weg gedreht  und ist gem\u00e4chlich in den B\u00fcschen verschwunden.<br \/> So geht das \u00fcbrigens meistens  aus, und allermeistens sind sie schon weg, bevor man sie \u00fcberhaupt sehen kann.  B\u00e4ren sind ja \u00fcberhaupt so ein Thema. Wie oft bin ich nachts aufgeschreckt, als  irgend etwas Schweres ger\u00e4uschvoll durch das Unterholz gebrochen ist. An  weiterschlafen war da nicht zu denken, ich habe mehr als einmal gehofft, was  immer es w\u00e4re, es solle doch bitte die Richtung weg von meinem Lagerplatz  beibehalten. Mehr als einmal habe ich mit wild klopfendem Herzen eine, zwei  Stunden hinausgehorcht in die Nacht, und war einfach nur gl\u00fccklich, den Morgen  unversehrt zu erleben.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-9.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Im Laufe der Zeit lernte ich auch, dass man selbst sein gr\u00f6\u00dfter Feind sein  kann. Zu wenig Phantasie ist schlecht, weil man m\u00f6gliche Gefahren vielleicht  nicht erkennt, aber zuviel ist noch viel schlimmer. Alleine das Bewusstsein,  keine fremde Hilfe verf\u00fcgbar zu haben, l\u00e4sst einen Baumstumpf auf den ersten  Blick zum mordlustigen Grizzly werden, und jedes kurze Grummeln im Bauch l\u00e4sst  einen erst mal denken, hoffentlich ist&#8217;s nicht der Blinddarm!<br \/> Im Laufe der  Zeit bekommt man aber Vertrauen in die Funktionst\u00fcchtigkeit des eigenen K\u00f6rpers  und man ist auch nicht mehr ganz so fest davon \u00fcberzeugt, dass sich wirklich  alle rei\u00dfenden Tiere der Wildnis rund um das eigene Camp geschlichen haben,  heimt\u00fcckisch hinter B\u00e4umen und Erdh\u00fcgeln lauernd, um im n\u00e4chsten Moment  hervorzust\u00fcrzen und ein Gelage abzuhalten.<br \/> Gleichwohl darf man aber nicht  vergessen, wenn man Fehler macht oder einfach nur Pech hat, kann so was  passieren!<br \/> Die erste Lektion, die einen die Wildnis lehrt, ist egal was  kommt, die Ruhe zu bewahren und keine Fehler zu machen. Schafft man das nicht,  wird man nach wenigen schlaflosen N\u00e4chten mit den Nerven am Ende sein und man  sollte sich wohl besser auf den Nachhauseweg machen, bevor wirklich Situationen  eintreten, denen man nicht gewachsen ist.<br \/> Nach einiger Zeit erschrecken einen  die \u00fcblichen Ger\u00e4usche des n\u00e4chtlichen Waldes nicht mehr, aber man ist sofort  hellwach, wenn etwas Ungewohntes vor sich geht. Nat\u00fcrlich macht man Fehler,  kleine und auch gr\u00f6\u00dfere, und meist hat man Gl\u00fcck und sie bleiben folgenlos. Aber  man muss sich bewusst sein, auch kleine Fehler k\u00f6nnen sich zur pers\u00f6nlichen  Katastrophe ausweiten!<br \/> Einmal ein wenig zu lange gez\u00f6gert, wenn man auf einem  gro\u00dfen See mit dem Kanu unterwegs ist und man eigentlich sofort aus dem Wasser  m\u00fcsste, weil Wind aufkommt, kann den Verlust der gesamten Ausr\u00fcstung oder des  Lebens bedeuten. Einmal nicht rechtzeitig umgekehrt, weil man heute noch \u00fcber  einen Pass m\u00f6chte, um irgendeinen Zeitplan einzuhalten, obwohl man sieht, dass  das Wetter umschlagen k\u00f6nnte, kann verheerende Folgen haben. Eine unsichere  Bewegung kann, wenn man auf Blickkontaktn\u00e4he wehrhaftem Wild gegen\u00fcbersteht,  einen Angriff ausl\u00f6sen und der richtige langsame Schritt in die richtige  Richtung kann eben das verhindern.<br \/> Wenn man l\u00e4ngere Zeit alleine  zurechtkommen will, muss man aus seinen Fehlern lernen, sonst wird die  Unternehmung zum Pokerspiel. Man kann von zu hause aus nicht vorhersagen, wie  einem dieses Leben da drau\u00dfen zusagen wird, man kann es nur ausprobieren.<\/p>\n<h2>\n<hr title=\"6. Auf Wildniswanderung\" alt=\"6. Auf Wildniswanderung\" class=\"system-pagebreak\" \/>\n<\/h2>\n<h2>6. Auf Wildniswanderung<\/h2>\n<p>Viele Jahre sp\u00e4ter, im Herbst sa\u00dfen ein Freund von mir und ich zusammen in  der Blockh\u00fctte (die f\u00fcr elf Jahre ihre einzige Wohnung war) eines befreundeten  kanadischen Ehepaares in der Wildnis im Nordwesten Kanadas.<br \/> Wir beschlossen,  das Ufer des Chilkos zu zweit mit dem Kanu abzufahren. Wir rechneten mit etwa  zwei Wochen Fahrtzeit, weil wir zwischendurch noch Streifz\u00fcge in die Berge  unternehmen wollten.<\/p>\n<p> Das Kanu ist in den Sommermonaten DER Schl\u00fcssel zur  Wildnis des Nordens. In ein 17-Fu\u00df-Kanu kann man viel einladen. Zwei Personen  mit (nicht zu umfangreichem) Gep\u00e4ck und Proviant f\u00fcr mehrere Wochen zu tragen,  ist f\u00fcr ein solches Boot kein Problem.<br \/> In der Dunkelheit des noch fr\u00fchen  Morgens brachten wir unsere Ausr\u00fcstung aus der H\u00fctte und luden sie in unser  Kanu.<br \/> Wir nahmen wenig mit, aber was wir hatten, hatte sich auf vorherigen  Touren bew\u00e4hrt. Unsere Papiere und unser Geld vergruben wir in einem  Aluminiumbeh\u00e4lter im Wald, damit wir im Falle eines Ungl\u00fccks nicht alles  verlieren w\u00fcrden.<br \/> Als wir uns im ersten schwachen Licht des beginnenden Tages  vom Ufer abstie\u00dfen, f\u00fchlte ich mich wie James Stewart in dem Filmepos \u00fcber die  Eroberung Amerikas &#8222;How The West Was Won&#8220;. Es ist kaum m\u00f6glich, sich hier  aufzuhalten ohne solche Assoziationen zu entwickeln.<br \/> Das Chilcotin ist wie  die gesamte Cariboo-Region immer noch Cowboy-Country und seine Bewohner sind  stolz darauf, frei in dieser herrlichen und rauhen Natur zu leben.<br \/> Klar, hier  ist nicht mehr der gesetzlose Westen. Heute gibt es auch hier Telefon, Fernsehen  und Waschmaschinen, aber der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil des Landes ist immer noch  unbewohnt und Cowboy zu sein ist nach wie vor ein Beruf in dieser Region.<br \/> Es  ist ein herrliches Gef\u00fchl, im Kanu lautlos in den klaren Morgen eines Bergsees  zu paddeln und dabei keine weiteren Spuren zu hinterlassen als ein paar Kringel  auf dem ansonsten spiegelglatten, t\u00fcrkisfarbenen Wasser. Kein Laut au\u00dfer dem  charakteristischen, langgezogenen Ruf eines Eistauchers durchbrach die  Stille.<br \/> Wir hielten uns etwa ein bis zweihundert Meter vom Ufer weg, nur bei  Buchten, die in weniger als einer halben Stunde zu \u00fcberqueren waren, w\u00e4hlten wir  den direkten Weg.<\/p>\n<p> Das spiegelglatte Wasser konnte uns nicht dar\u00fcber  hinweg t\u00e4uschen, dass auf einem \u00fcber 80 km langen See sehr rasch starker Wind  aufkommen kann, der den schnell meterhoch werdenden Wellen Schaumkronen  aufzusetzen vermag.<br \/> So manch einer hat mangelnde Erfahrung in solchen Dingen  schon mit mehr als nur dem Verlust der Ausr\u00fcstung bezahlt.<br \/> Das Wetter blieb  aber gut und wir sahen im Abstand von mehreren Kilometern einige  Wei\u00dfwedelhirsche, die zum Trinken an den See gekommen waren. Bald w\u00fcrden sie  sich in den dichten Wald zur\u00fcckziehen.<br \/> Wir kamen an steilen Uferabschnitten  vorbei, blanker Fels, durchzogen von Quarzadern und an sanften, \u00fcberfluteten  Wiesen, an deren R\u00e4ndern im tieferen Wasser Biberburgen standen. Wenn einen ein  Biber bemerkt, und sich gest\u00f6rt f\u00fchlt, schl\u00e4gt er mit dem flachen Schwanz aufs  Wasser und produziert einen Knall, der einem Gewehrschuss sehr \u00e4hnlich klingt.  Nicht nur Artgenossen, auch andere Tiere nehmen diese Warnung zum Anlass,  besonders wachsam zu sein und meist sieht man sie dann nur noch irgendwo  verschwinden.<br \/> Zwischen uns und dem stahlblauen Himmel zog ein  Wei\u00dfkopf-Seeadlerpaar auf Jagd seine Kreise, und des \u00f6fteren sahen wir, wie sie  Fische aus dem Wasser holten, die sie dicht unter der Oberfl\u00e4che mit ihren  scharfen Augen im Flug aus gro\u00dfer H\u00f6he entdeckt hatten.<\/p>\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-10.jpg\" border=\"0\" width=\"300\" height=\"300\" \/><br \/> {mospagebreak}<\/p>\n<div>\n<p>Nach dem wir etwa sechs Stunden gepaddelt waren, machten wir am sp\u00e4ten  Vormittag am Ufer Rast.<br \/> Sitzt man zu zweit im Kanu, so hat der hintere die  Aufgabe des Steuermanns, der vordere ist der Lotse und &#8222;liest&#8220; das Wasser. Auf  einem See gibt es im Gegensatz zum schnellen, hindernisbewehrten Wasser vieler  Fl\u00fcsse nicht viel zu lesen, und so hat der Vordermann nicht viel Anspruchsvolles  zu tun, soweit es die &#8222;Navigation&#8220; betrifft.<br \/> Ist man alleine, kommt das  Gep\u00e4ck m\u00f6glichst nach vorne und hat man keines dabei, ist es geschickt, Ballast  in Form einiger gro\u00dfer Steine aufzunehmen, die das Boot stabilisieren. Mit der  richtigen Paddeltechnik ist es \u00fcbrigens nicht n\u00f6tig, das Paddel von einer Seite  auf die andere zu wechseln und sich dabei das Kanu kn\u00f6cheltief voll zu  tropfen.<br \/> Bergseen wie dieser haben meist wenig Fischbestand, aber zu dieser  Jahreszeit ziehen hier die Lachse durch. Der Tisch ist so reich gedeckt, dass  man sie gar nicht angeln muss (was auch sehr restriktiv gehandhabt wird, dazu  ist eine spezielle Lizenz n\u00f6tig), sondern man braucht aus den vielen  gestrandeten Fischen nur einen aufzulesen.<br \/> Die, die in der Nacht an  Entkr\u00e4ftung verendet sind, findet man morgens an den Strand gesp\u00fclt, so frisch  wie in keinem Delikatessengesch\u00e4ft der Welt. Aber Vorsicht, auch die B\u00e4ren  wissen das!<br \/> Wir haben uns etwas weiter vom Ufer weg einen flachen Stein  geholt, \u00fcber ein kleines Lagerfeuer gelegt und darauf den Fisch gebraten.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-11.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Dazu gab es frisch gebackenes Bannock, fladen\u00e4hnliches Waldl\u00e4uferbrot,  ebenfalls auf dem Stein gebacken.<br \/> So spart man sich das mitschleppen von  Pfannen und man muss noch nicht einmal hinterher absp\u00fclen (Steine, die lange im  Wasser gelegen haben k\u00f6nnen bei starker Erhitzung wie Granaten explodieren und  einen durch Splitter schwer verletzen, also darauf achten, wo \u00fcblicherweise der  Wasserspiegel steht)!<br \/> Gest\u00e4rkt stiegen wir zur\u00fcck ins Kanu und fuhren  weiter.<br \/> Das Ufer war g\u00fcnstig und wir konnten es uns leisten, gute Lagerpl\u00e4tze  unbeachtet liegen zu lassen und bis in den fr\u00fchen Abend hinein zu paddeln.<br \/> An  einer geeigneten Stelle gingen wir an Land.<br \/> An der Art und Weise, wie ein  Lagerplatz ausgew\u00e4hlt wird, wie schnell das Lager steht und welche Arbeiten in  welcher Reihenfolge ausgef\u00fchrt werden, kann man erkennen, wie erfahren die  Wildniswanderer sind, die hier campen. Unser Lager stand in etwa 20  Minuten.<br \/> Wir lagerten auf einer kleinen Landzunge nahe am See. Der Platz war  so gew\u00e4hlt, dass wir Wetterschutz und Deckung durch dichte Kiefernverj\u00fcngung  hatten, diese aber weit genug weg war, dass uns kein unachtsamer B\u00e4r ins Bett  stolperte.<br \/> Unsere Planen hatten wir als Reflektoren aufgestellt und das Feuer  brannte in der Mitte. Alles, was wir nicht brauchten, blieb im Rucksack.<br \/> Das  Boot hatten wir hoch gezogen und mit der Bootsleine an einem Baum gesichert.  Wenn es schnell gehen musste, w\u00e4ren wir in zwei Minuten auf dem See  gewesen.<br \/> Wir a\u00dfen noch einen Rest Bannock vom Nachmittag und tranken einen  Tee aus Fichtennadeln. Das Kochen von Speisen, zu denen B\u00e4ren eine  \u00fcberdurchschnittlich hohe Affinit\u00e4t entwickeln, vermeide ich gew\u00f6hnlich am  Nachtlagerplatz.<br \/> Dann h\u00e4ngten wir unseren Proviant in etwa 150 Meter  Entfernung zwischen zwei st\u00e4rkere B\u00e4ume, sammelten noch etwas Feuerholz f\u00fcr die  Nacht auf, der Strand war ja voll mit Treibholz, und gingen zum Lager zur\u00fcck.  Dabei sahen wir einen Schwarzb\u00e4ren etwa 100 Meter weit vom Lager weg im flachen  Wasser stehen. Er hat von uns keine Notiz genommen, und w\u00e4hrend mein  Reisegef\u00e4hrte den B\u00e4ren im Auge behielt, sch\u00fcrte ich das Feuer etwas  h\u00f6her.<br \/> Auf dem Weg zur\u00fcck in den Busch drehte sich der B\u00e4r noch kurz zu uns  her und verschwand dann im Dickicht.<br \/> Den Lagerplatz deshalb aufzugeben war  nicht n\u00f6tig, erstens bestand kein direkter Anlass zur Sorge und zum anderen  waren um diese Jahreszeit jede Menge B\u00e4ren am See unterwegs.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-12.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Es war k\u00fchl, und wie so oft behielten wir unsere Kleidung zum Schlafen  an.<br \/> Ich habe vor Jahren von den Indianern gelernt, wie man Mokassins n\u00e4ht. Je  nach Situation und Gel\u00e4nde trage ich sie nachts. Mit einem Paar Str\u00fcmpfen w\u00e4rmen  sie recht gut und im Notfall, oder wenn man einfach mal raus muss, stolpert man  nicht barfu\u00df \u00fcber Steine und durch Dornen.<br \/> Diese Nacht verlief aber  ereignislos und der ungehinderte Ausblick auf den sternen\u00fcbers\u00e4ten Nachthimmel  war wieder \u00fcberw\u00e4ltigend.<br \/> Ich liebe die Momente der Ruhe und Besinnung und  denke in dieser halben Stunde vor dem Einschlafen gerne \u00fcber alles m\u00f6gliche  nach.<br \/> Wir hatten wie meistens nur Wolldecken dabei, im Gegensatz zum  Schlafsack kann man damit die W\u00e4rme der Feuers nutzten, und Funken hinterlassen  nur kleine dunkelbraune Punkte an der Oberfl\u00e4che und brennen keine L\u00f6cher  hinein. Au\u00dferdem mag ich es, wenn mich eine Stunde vor dem ersten Tageslicht die  Morgenk\u00e4lte weckt.<br \/> Wenn ich G\u00e4ste durch die W\u00e4lder f\u00fchre, die sich ja auch  erholen wollen, passe ich mich weitgehend deren W\u00fcnschen an, das wird dann meist  ein etwas gem\u00e4chlicherer Einstieg in den Tag. Das macht dann durchaus auch Spa\u00df,  es etwas ruhiger anzugehen und sich zu unterhalten und sich \u00fcber das bisher  gemeinsam erlebte zu freuen. Man muss halt von vorneherein die Tagesetappen  k\u00fcrzer planen.<br \/> Habe ich l\u00e4ngere Strecken vor mir, laufe ich lieber beim  ersten Licht los und habe am fr\u00fchen Nachmittag mein Tagespensum geschafft. Dann  kann man in aller Ruhe nach einem gem\u00fctlichen Lagerplatz Ausschau halten, ohne  dass einen die bevorstehende Dunkelheit dazu zwingt, an eigentlich ungeeigneten  Pl\u00e4tzen zu rasten.<br \/> So hielten wir es auch an diesem Tag. Wir holten den  Proviantsack und das Camp war mit ein paar Handgriffen abgebaut. Wir l\u00f6schten  das Feuer und warfen die gr\u00f6\u00dferen, noch gl\u00fchenden St\u00fccke Holz in den See. \u00dcber  die Feuerstelle kam etwas Erde, und als wir nach einem Schluck klarem Wasser aus  dem See aufbrachen, h\u00e4tte man schon genauer hinsehen m\u00fcssen, um zu sehen, dass  hier die Nacht \u00fcber gelagert worden war.<br \/> Wir wollten heute hoch in die Berge  gehen und sind daher nur solange gepaddelt, bis wir einen Stelle fanden, die  einen guten Zugang zum dahinter liegenden Busch bot.<br \/> Wir legten an,  verstauten unsere Sachen samt Boot in den B\u00fcschen, zogen den Proviant wieder  hoch und gingen mit leichtem Gep\u00e4ck f\u00fcr drei Tage los.<br \/> Es gab hier weder  Wanderwege noch Br\u00fccken und so hatten wir auch zwei kleinere Zul\u00e4ufe zum See zu  durchqueren.<br \/> Nach kurzer Zeit f\u00fchrte uns unser Weg ins Dickicht.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-13.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>In vielen Gegenden, die ich besucht habe, gab es wie hier bis auf Ausnahmen  keine Wanderwege. Allerh\u00f6chstens gab es dann und wann alte Forst- oder  Minenstra\u00dfen, oder Fire Roads, die zur Bek\u00e4mpfung fr\u00fcherer Waldbr\u00e4nde angelegt  wurden.<br \/> Diese alten Stra\u00dfen bieten oft die M\u00f6glichkeit, mit dem Auto ein  ganzes St\u00fcck in den Busch hineinzufahren, und seine Wanderungen von dort aus zu  beginnen. Das hat nat\u00fcrlich den Vorteil, dass man leicht gen\u00fcgend Nahrungsmittel  transportieren und eventuell irgendwo ein Depot anlegen kann. Die Wildnis selbst  ist meist weglos.<br \/> Zwar existieren zum Teil alte Trails, also Pfade, die vor  dem Aufkommen des Stra\u00dfenverkehrs die einzelnen Orte verbanden, oder auch mal  neue, in Gegenden, wo es Menschen gibt, von Fallenstellern beispielsweise, aber  darauf trifft man eigentlich nur per Zufall oder wenn man gezielt per Karte  einen solchen Weg ablaufen will.<br \/> Die Wege des Waldl\u00e4ufers im Busch sind die  Wildwechsel!<br \/> Der Busch kann offen und leicht begehbar sein, aber das ist  seltener der Fall, oft ist er so unwahrscheinlich dicht, dass man sich nur mit  einiger Kraftanstrengung zwischen den jungen B\u00e4umen hindurch zw\u00e4ngen kann. Dazu  kommen fast \u00fcberall die St\u00e4mme von B\u00e4umen, die eines nat\u00fcrlichen Todes gestorben  sind und im Extremfall, etwa bei Br\u00e4nden, meterhoch \u00fcbereinander liegen  k\u00f6nnen.<br \/> Ist man gezwungen, sich durch solches Gel\u00e4nde zu bewegen, vielleicht  noch am Hang, kann man das getrost als unmenschliche Schinderei bezeichnen. Im  ebenen Gel\u00e4nde benutzt man, wie schon gesagt, am besten die Wechsel, in den  h\u00f6heren Lagen wird das Gel\u00e4nde dann offener. Dabei muss man sich aber dar\u00fcber im  klaren sein, dass Wildwechsel deshalb vorhanden sind, weil sich das Wild das  Leben auch gerne etwas leichter macht und ebenfalls nicht durchs dichteste  Unterholz gehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-14.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Probleme kann es dabei am wahrscheinlichsten mit B\u00e4ren und Elchen  geben.<br \/> Sieht man sehr frische B\u00e4renspuren, muss man auf jeden Fall auf der  Hut sein und im Notfall rechtzeitig umkehren. Dies gilt besonders dann, wenn man  auf oder neben dem Wechsel einen Berg aus zusammengescharrten \u00c4sten, Laub und  Erde oder \u00e4hnliches sieht. Dabei handelt es sich um die Reste einer  B\u00e4renmahlzeit und die Wahrscheinlichkeit ist gro\u00df, dass sich der Besitzer dieser  Brotzeit ganz in der N\u00e4he zum Verdauungsschlaf niedergelegt hat.<br \/> In dem Fall  ist augenblicklich ger\u00e4uschloser R\u00fcckzug angesagt! Den Haufen neugierig be\u00e4ugen,  darin zu stochern und sich zu wundern, was das wohl sein k\u00f6nnte, ist recht  ungeschickt und wird vom B\u00e4ren leicht falsch aufgefasst.<br \/> Die n\u00e4chste Gefahr  sind Elche. M\u00fctter mit K\u00e4lbern sind immer mit Vorsicht zu genie\u00dfen, aber  wirklich gef\u00e4hrlich sind Elchbullen in der Brunft. Elche, die sich verfolgt  f\u00fchlen, wenden unter Umst\u00e4nden folgende Taktik an: Sie ziehen erst einmal  weiter, als ob sie nichts gemerkt h\u00e4tten, verlassen den Wechsel an einer  geeigneten Stelle mittels einen 3-Meter-H\u00fcpfers in den Wald, laufen f\u00fcr  Menschenohren mitunter v\u00f6llig (!) ger\u00e4uschlos neben dem Wechsel zur\u00fcck und  attackieren ihrerseits den bisherigen Verfolger von hinten.<br \/> Elchbullen  verstehen oft keinen Spa\u00df.<br \/> Ich bin einmal im dichten Unterholz, die Sicht  betrug wenig weiter als zur ausgestreckten Hand, in die N\u00e4he des Einstandes  eines Elchbullen geraten. Ich habe ihn nicht gesehen, aber nachdem er mich  bemerkt hatte, fingen in cirka 25 Meter Entfernung pl\u00f6tzlich die jungen B\u00e4ume  an, wie wild hin und her zu schwanken. Er bearbeitete das Geb\u00fcsch mit seinen  Schaufeln und gab mir mit aggressiven Stampfen und Schnauben zu verstehen, dass  ich unerw\u00fcnscht war.<br \/> In so einem Fall ist jede Diskussion \u00fcber F\u00fcr und Wider  wenig sinnvoll und ich habe mich ruhig aber rasch zur\u00fcckgezogen.<br \/> Ich habe  seinen Platz dann so etwa im Bogen von 150 Meter umlaufen, was ziemlich  anstrengend war.<br \/> Solche Begebenheiten sind kein Grund zur Aufregung,  verlangen aber ein sicheres Einsch\u00e4tzen der Situation und unverz\u00fcgliches  Handeln.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-15.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Attacken von Pumas sind sehr selten, selbst wenn man will, bekommt man sie  fast nie zu Gesicht, und mit W\u00f6lfen ist es genauso.<br \/> Normalerweise greifen  W\u00f6lfe auch keinen gesunden Menschen an. Noch seltener sind Vielfra\u00dfe.<br \/> F\u00fcr  mich verk\u00f6rpert das Heulen der W\u00f6lfe die subarktische Wildnis  schlechthin.<br \/> Eine nicht zu untersch\u00e4tzende Gefahr in der Wildnis sind Wespen.  Ein Freund von mir ist zu nahe an ein Wespennest in einem hohlen Baumstamm  geraten, und einige haben ihn gestochen, davon 5 oder 6 in den Kopf. Es ging ihn  \u00fcberhaupt nicht gut, er bekam Sch\u00fcttelfrost und ich hatte ernsthaft Sorge, ob er  die Nacht \u00fcberstehen w\u00fcrde.<br \/> All diese Probleme blieben uns aber erspart und  nach einem halbt\u00e4gigen Aufstieg, standen wir Aug&#8216; in Auge mit der spektakul\u00e4ren  Bergwelt British Columbias.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-16.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Damals gab es kein Handy oder Satellitentelefon, wenn man im Busch war, dann  war man drau\u00dfen, ohne Kontakt zur restlichen Welt.<br \/> H\u00e4tten wir etwa unser Kanu  verloren, (oder nicht wiedergefunden, auch das ist manchmal gar nicht so  leicht), h\u00e4tten wir uns auf einen mehrw\u00f6chigen R\u00fcckweg einrichten m\u00fcssen..<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<hr title=\"7. Mutter Natur\" alt=\"7. Mutter Natur\" class=\"system-pagebreak\" \/>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2>7. &#8222;Mutter Natur&#8220; oder &#8222;Doch, wir k\u00f6nnen es noch&#8220;<\/h2>\n<p>Man  kann sich nicht vorstellen, wie m\u00e4chtig einem diese Welt da drau\u00dfen erscheint,  wenn man alleine oder in einer kleinen Gruppe unterwegs ist. Auch wenn man  meint, f\u00fcr die Wildnis geschaffen zu sein, es dauert, bis man sich dort wirklich  zuhause f\u00fchlt7. &#8222;Mutter Natur&#8220; oder &#8222;Doch, wir k\u00f6nnen es noch&#8220;<\/p>\n<p>Der l\u00e4ngere Aufenthalt in der Wildnis lehrt dem aufmerksamen Besucher einige  Lektionen.<br \/> Die freie, wilde Natur zeigt sich uns in atemberaubender Sch\u00f6nheit  und kann uns mit vielen romantischen und sorglosen Momenten erfreuen. Sie ist  aber nicht nur das idyllische Paradies, nach dem man sich in seiner  Zivilisationsm\u00fcdigkeit sehnt.<br \/> So beeindruckend sie in ihrer Pracht auch sein  mag, sie ist auch grausam und mitleidlos in ihrer \u00dcberm\u00e4chtigkeit. Der sichere  Aufenthalt in der freien, wilden Natur erfordert, sich furchtlos in ihr zu  bewegen, ihre potentiellen Gefahren aber nie zu untersch\u00e4tzen.<br \/> Wer zuviel  Angst hat, macht leicht Fehler, und wer sich \u00fcber die Risiken nicht im klaren  ist, noch leichter.<br \/> Wer aber Fehler macht, die folgenlos bleiben, hat Gl\u00fcck  gehabt. Hat man einmal gesehen, wie ein Grizzly ein Loch in den Boden gr\u00e4bt, um  an ein Murmeltier, nicht mehr als ein Leckerbissen f\u00fcr den B\u00e4ren, zu gelangen  und sich dabei wie ein Bulldozer in den felsigen Grund arbeitet, wei\u00df man, welch  brachiale Gewalt dort drau\u00dfen herrschen kann, von Blizzards, Lawinen,  \u00dcberschwemmungen oder \u00e4hnlichen Katastrophen gar nicht zu reden.<br \/> &#8222;Mutter  Natur&#8220; ist eine &#8222;Rabenmutter&#8220;. Sie k\u00fcmmert sich um keines ihrer Kinder, und  verlangt von ihren Bewohnern, auch wenn sie das oft im Verborgenen und auf recht  subtile Weise tut, st\u00e4ndig ihre Lebenst\u00fcchtigkeit unter Beweis  stellen.<br \/> Dennoch gestattet sie uns, wenn wir es mit Schl\u00e4ue, Kraft oder  anderen F\u00e4higkeiten schaffen k\u00f6nnen, ein freies und oft auch gl\u00fcckliches und  zufriedenes Leben zu f\u00fchren.<br \/> Grunds\u00e4tzlich sind wir Menschen unserer  biologischen Anlagen nach immer noch ein vollwertiger Teil der Natur.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-17.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Fast alle Menschen sch\u00e4tzen beispielsweise die Gem\u00fctlichkeit eines  Lagerfeuers. Wo immer ein Lagerfeuer brennt, signalisieren uns unsere  &#8222;Urinstinkte&#8220; W\u00e4rme, Nahrung, Gesellschaft, Schutz und Wohlbehagen.<br \/> Wir haben  diese &#8222;innere Stimme&#8220; noch, jene auf Erfahrung und auf angeborenes &#8222;Wissen&#8220;  zur\u00fcckgreifende, unbewusste Methode der Probleml\u00f6sung, die immer dann aktiv  wird, wenn Aufgaben zu bew\u00e4ltigen sind, die f\u00fcr rein analytisches Denken zu  komplex sind.<br \/> &#8222;Was meinst du, gibt es hier in dieser Gegend Elche?&#8220; fragte  ein kanadischer Bekannter von mir seinen indianischen Freund auf einem Jagdtrip.  &#8222;No, bush wrong colour.&#8220; antwortete der alte Indianer unbestimmt.<br \/> Er konnte  nicht begr\u00fcnden, warum es seiner Meinung nach hier keine Elche gab, seine  Erfahrung sagte es ihm, in dem sie unbewusst alle zur Verf\u00fcgung stehenden,  relevanten Umweltparameter zur L\u00f6sungsfindung benutzte. So wie ein guter  Mechaniker an feinen Nuancen h\u00f6ren kann, ob ein Motor richtig l\u00e4uft, findet ein  guter Waldl\u00e4ufer seinen Weg durch die Wildnis auch ohne Kompass oder GPS.<br \/> Das  Erbe unserer Urahnen ist in der Tat in uns allen noch lebendig, \u00fcbrigens auch im  Alltag, nur ist es uns nur oft wenig bewusst.<br \/> Vor allem merkt man aber auch,  selbst wenn man gut alleine zurechtkommt, dass man auf Dauer, zumindest hin und  wieder, menschliche Gesellschaft zum Gl\u00fcck braucht. Auch wie sehr wir von  nat\u00fcrlichen Landschaften abh\u00e4ngig sind, wird uns in den industrialisierten  L\u00e4ndern nur nicht so deutlich wie hier drau\u00dfen.<\/p>\n<p align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/wp-content\/images\/stefankanada\/Bild-18.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Jeder, der einmal einige Tage eine trockene Hochebene \u00fcberquert hat, und mit  dem wenigen Wasser, das zu finden war, so haushalten musste, dass die Lippen  rissig wurden, oder der hungrig einen Fisch aus einem klaren Bach gefangen hat,  und so direkt Lebensenergie aus der Umgebung gewonnen hat, wird das in  Erinnerung behalten.<br \/> Wer einmal die Pfade der Freiheit gegangen ist, wo auch  immer auf der Welt, hat eine Ahnung bekommen von seinen phylogenetischen  Wurzeln.<br \/> Man kehrt ver\u00e4ndert aus der Wildnis nach Hause zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Stefan Pastor<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"excerpt\">Ein Reisbericht von Dipl. Biol. Stefan Pastor (von nature Tours) Der Bericht ist sehr umfangreich und mit vielen Bildern. Leider sind die Bilder qualitativ nicht so besonders gut, da nur eine kleine Kamera zur Verf\u00fcgung stand. Der Bericht selbst, ist so packend und lebendig geschrieben, dass eigentlich kein Foto notwendig ist, um die Faszination der Wildnis zu erleben. Viel Spa\u00df&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"btn btn-default\" href=\"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/?p=179\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-179","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-reiseberichte"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/179","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=179"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/179\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=179"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=179"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.viermalvier.de\/archiv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=179"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}