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Seite 1 von 7 Ein Reisbericht von
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Der Bericht ist sehr umfangreich und mit vielen Bildern. Leider sind die Bilder qualitativ nicht so besonders gut, da nur eine kleine Kamera zur Verfügung stand. Der Bericht selbst, ist so packend und lebendig geschrieben, dass eigentlich kein Foto notwendig ist, um die Faszination der Wildnis zu erleben.
Viel Spaß beim Lesen wünschen euch Stefan & viermalvier.
In der Wildnis des Nordens

1. Der "Ruf der Wildnis"
Es war September im Jahr 2000. Ich führte eine kleinen Gruppe von fünf Personen auf einer naturkundlichen Exkursion durch die Vildmark Värmlands in Schweden. Vildmark bedeutet übersetzt Wildnis. Wir waren mit meinem treuen alten Land Rover auf dem Weg ins Exkursionsgebiet und wollten in Lennarts Blockhauscamp die Nacht über bleiben. Nach dem Abendessen machten wir es uns an der offenen Feuerstelle im Blockhaus gemütlich. Wir unterhielten uns über alles mögliche, als mich Christian, einer der Teilnehmer fragte: "Wie lange machst du diese Wildnistouren jetzt eigentlich schon?" "Beruflich seit drei Jahren" antwortete ich, "privat schon sehr viel länger." "Da warst du aber auch noch nicht alt, damals? Bist du da einfach abgehauen, hier hoch, oder was? Erzähl doch mal" forderte er mich auf. Und weil sie mehr wissen wollten, habe ich, zum vielleicht hundertsten Mal, die Geschichte erzählt, wie ich dazugekommen bin, Reisen in die Wildnis zu unternehmen. Ich erinnere mich gerne an diesen Anfang zurück, und dann habe ich meine damaligen Gedanken glasklar vor Augen.
Kanada, 05. September 1982
"Der Abend gestern war herrlich. Ich habe mein Nachtlager in einer kleinen Senke an einem bewaldeten Hang in vielleicht 1500 m über Meereshöhe aufgeschlagen. Ich schlafe, wann immer möglich, unter freiem Himmel, höchstens suche ich mal unter den ausladenden unteren Ästen einer Fichte oder Tanne Schutz oder spanne bei wirklich schlechtem Wetter meinen Regenponcho als schräges Dach auf. Etwa zwei Stunden nach Mitternacht hat mich eine ungewohnte Erscheinung geweckt. In einem Zelt hätte ich es vielleicht auch gar nicht bemerkt, aber so habe ich mein erstes Nordlicht gesehen! Bunte Bänder zogen über den Himmel, als ob er sich zu langen, halb transparenten Streifen verdichtet hätte, die im Wind wehen. Die leuchtenden Bänder zerfielen immer wieder und bildeten neue Formationen. Dabei durchliefen sie unwirklich wirkende, teils blasse, teils leuchtende Farben. Es ist kein Wunder, daß sich Menschen früherer Zeiten, die in kleinen Sippen oder Stämmen diesen Bergen, Seen und Wäldern eine Existenz abgerungen haben, solche Erscheinungen nur als von übernatürlichen Mächten verursacht erklären konnten. Und jetzt bin ich hier und konnte dieses Schauspiel genießen. Ich bin 19 Jahre alt und zum ersten mal alleine auf einem fremden Kontinent unterwegs. Eine seit Kindheitstagen vorhandene, unbändige Natursehnsucht hat mich schließlich irgendwo in die Berge zwischen den Rockies und den Cassiar Mountains im Grenzbereich British Columbia und Yukon Territory geführt. Genauer weiß ich meine Position nicht, und es interessiert mich auch gar nicht. Alles was ich diesbezüglich wissen muss ist, dass ich mich etwa fünf Tagesmärsche östlich des Cassiar Highways 37 befinde, vielleicht auf halbem Weg der rund 240 Kilometer langen Strecke zwischen Dease Lake und Watson Lake. Der Highway 37 ist ein etwa 20 Pick-up-Autostunden langes, schmales Band, übersät mit Schlaglöchern, das sich durch eine unvorstellbar weite, atemberaubend spektakuläre Wildnis schlängelt und die schnellste Verbindung zu dem Teil der zivilisierten Welt ist, den ich vor etwa sieben Wochen verlassen habe. Ich bin alleine in einer wilden, menschenleeren Welt, in die ich mich oft hinein geträumt hatte. Die schier endlose Weite vor mir, Bergrücken an Bergrücken, unterbrochen von schroffen oder von sanften Tälern mit Seen und Flüssen bis zum Horizont, scheint mich vollständig einzunehmen. Ich habe ein Gefühl, das einer Mischung aus Angst vor der eigenen Courage und einer tiefen, glücklichen Empfindung gleicht, es gewagt zu haben, meinen Traum nicht nur zu träumen. Ich habe mich im Wald immer wohl gefühlt, aber wie es dann sein würde, wirklich in der Wildnis zu sein, konnte ich kaum ahnen, geschweige denn vorhersagen. Aber nun bin ich hier und auch wenn ich mir bewusst bin, ein Chechaquo, ein "Greenhorn" zu sein, weiß ich, dass ich einen wichtigen persönlichen Sieg errungen habe. Ich gewinne dieser unvorstellbar großen und mächtigen Wildnis trotz aller Unsicherheit mehr Zuversicht, Kraft und Lebensfreude ab als sie mir, im Bewusstsein meiner Unerfahrenheit und Verwundbarkeit, Furcht einzuflößen in der Lage ist. Jetzt weiß ich dass den Stand an Wissen und Fähigkeiten, den ich mir als Ziel gesetzt habe, erreichen kann."

Das waren meine Gedanken damals, festgehalten in meinem Tagebuch.
Heute, fast zwei Jahrzehnte später, kann ich als Zwischenbilanz festhalten, dieser Weg, den ich damals eingeschlagen hatte, ist der richtige für mich gewesen. Ich dachte mir, die besten Chancen, die Welt zu verstehen hätte ich, wenn ich das intuitive Wissen eines Naturmenschen mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften vereinen könnte. Natürlich habe ich mein Ziel noch lange nicht erreicht, aber bisher habe ich zusammengenommen mehrere Jahre meines Lebens in den Wäldern Kanadas und Skandinaviens verbracht und als ich es an der Zeit fand, habe ich Naturwissenschaften studiert. Ich war alleine in der Wildnis, mit Freunden oder habe Gruppen geführt. Tagebuch schreibe ich schon lange nicht mehr, jenes Leben dort draußen ist mir so vertraut wie das hier im Kreis meiner Familie. Alles, was die Natur an Empfindungen im einsamen Wildniswanderer zu wecken vermag habe ich unzählige Male durchlebt. Heute bin ich Pendler zwischen diesen beiden Welten, aber geblieben ist eine Begeisterung wie am ersten Tag für die ungezähmte Wildheit der Natur. Für alle unter euch, die ähnlich fühlen wie ich damals oder heute, möchte ich diese Geschichte in Kurzform aufschreiben, ein wenig von dieser Welt da draußen erzählen und euch einladen, mit mir zusammen eine kleine Wanderung in die Weite des Nordens zu unternehmen. Wo diese Wanderung tatsächlich stattfinden würde, ob in Schweden, Kanada, Sibirien oder irgend wo sonst im borealen Gürtel, ist eigentlich ziemlich egal, die Wälder sind sich alle ähnlich und nur ihre menschlichen Bewohner wissen von den politischen Grenzen.
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