Hallo M112/M113-Fahrer,
da mich dieser heimtückische Defekt nun auch bei meinem 500er erwischt hat, bislang aber weder hier noch bei Hans Hehl etwas zu diesem Thema geschrieben wurde, nun ein paar Hinweise und Reparaturtipps von meiner Wenigkeit:
Es geht um den Schwingungsdämpfer der Kurbelwellen-Riemenscheibe. Dieser hat bei frühen M112 und M113 Motoren, wie sie ab 1997 in den G320 V6 und von 1998 bis 2007 in den G500 eingebaut wurden, offensichtlich ein Haltbarkeitsproblem. Bei den PKW-Fahrern mit diesen Motoren ist das ein häufig kommuniziertes Thema, dazu findet sich auch Einiges im Internet. Es gibt Fälle, bei denen Mercedes bei bis zu 10 Jahren alten Fahrzeugen 100% Kulanz gewährt hat (und das will was heißen)!
Wer einen M112 oder M113 insbesondere aus den frühen Baujahren fährt (ab wann die neueren, haltbareren Varianten werksseitig verbaut wurden, weiß ich leider nicht), sollte mal die Teilenummer prüfen und das alte Teil austauschen, bevor es während der Fahrt seinen Geist aufgibt (aktuelle Teilenummer A112 035 14 00). Bei mir war noch die erste Variante A112 035 00 00 montiert, die mit 12 Jahren und der entsprechenden Laufleistung erstaunlich lange gehalten hat. Wahrscheinlich ist auch deshalb mein Kulanzantrag abgelehnt worden (man kann’s ja mal versuchen

).
Wenn sich der Schwingungstilger zerlegt, kann das bei diesen Motoren sehr teuer und aufwändig werden, da die Riemenscheibe dann an der Ölwanne und dem Steuergehäusedeckel streift. Das kann so weit gehen, dass das Ölwannenoberteil sowie der Steuergehäusedeckel ausgetauscht werden müssen (mir ist ein solcher Fall bekannt, da ging auch nichts mehr mit Kaltmetall zu flicken). Zusammen mit dem Schwingungsdämpfer und ein paar Kleinteilen kommen dann schon fast 750,-- EUR reine Materialkosten zusammen!
Ich hatte das Glück, dass ich den Schaden wegen einer reflektierenden Betonwand rechtezeitig erkannt (gehört) habe. Wenige Meter später hat sich dann der vordere Gummiring des Schwingungsdämpfers mit Getöse in den Motorraum verabschiedet, worauf ich den Motor sofort abgestellt habe. Trotzdem zeigten sich an der Ölwanne deutliche Einlaufspuren der Riemenscheibe, die glücklicherweise optisch mehr auffallen, als dass sie einen tatsächlichen Schaden verursacht haben.
Zur Reparatur benötigte Ersatzteile:
- Dämpfer (Riemenscheibe) A112 035 14 00, ca. € 190,-- zzgl. MwSt.
- Schraube (Zentralschraube) A006 990 70 04, ca. € 10,-- zzgl. MwSt.
- Spannrolle (Lager war eingelaufen) A000 202 09 19, ca. € 22,-- zzgl. MwSt.
- Schraube (für Spannrolle) A112 990 01 12, ca. € 2,-- zzgl. MwSt.
- Dichtring (Kurbelwelle vorne) A023 997 84 47, ca. € 9,-- zzgl. MwSt.
- Keilrippenriemen A011 997 97 92 (war noch im Lager)
Folgende Dokumente aus dem WIS waren hilfreich:
- GF03.30-P-1600-01C Anordnung Riemenscheibe/Schwingungsdämpfer
- AR13.22-P-3902-02B Laufschema Keilrippenriemen
- AR03.30-P-1600C Riemenscheibe aus-/einbauen
- AR13.22-P-1202B Keilrippenriemen aus-/einbauen
- AR20.40-P-6800V Lüfterhaube aus-/einbauen
- AR20.40-P-5660C Visco-Lüfterkupplung aus-/einbauen
- BA13.25-P-1000-01D Anzugsmomente Riemenspanneinrichtung
- AR03.20-P-3000-01B Vorderen Kurbelwellen-Radialdichtring einbauen
Außerdem habe ich mir die erforderlichen Spezialwerkzeuge ausgeliehen:
- Gegenhalter Riemenscheibe Wasserpumpe, z.B. A611 589 00 40 00
- Schlüssel SW36, extra schmal, z.B. A112 589 00 01 00
- Gegenhalter Riemenscheibe/Schwingungsdämpfer, z.B. A112 589 00 40 00
- Montagehülse Dichtring, z.B. A119 589 01 14 00
Zuerst wollte ich nur den Keilrippenriemen abnehmen, um mir ein besseres Bild vom entstandenen Schaden machen zu können. Hierzu soll gemäß WIS der Viskolüfter samt Lüfterhaube ausgebaut werden, was ich nicht glauben konnte. Tatsächlich war bei mir ein Entspannen des Riemens mit Standardwerkzeug nur möglich, wenn die Lüfterhaube zumindest gelöst und etwas verschoben wird (ich habe noch die alte Version der Spannvorrichtung, die mit der Torxschraube der Spannrolle entspannt wird, die neuere Version hat zum Entspannen unterhalb der Spannrolle einen Sechskant SW17 angeschweißt). Alternativ kann man eine E10-Torx-Nuss auch um ca. 3-4 mm kürzen, ansonsten ist eine Kante des Luftleitbleches im Weg.
Hilfreich ist hierbei auch, zunächst die vordere Motorenabdeckung zu demontieren sowie den Überlaufschlauch vom Kühler abzuschrauben, damit man mehr Platz hat und den Schlauch nicht versehentlich abreißt.
Da ich zu diesem Zeitpunkt noch kein Spezialwerkzeug hatte, war das Ausbauen des Viskolüfters nicht möglich. Daher habe ich das Lüfterrad von der Visko-Kupplung abgeschraubt (3 Imbusschrauben). Die Lüfterhaube selbst ist oben mit 3 Klipsen am Kühler befestigt. Nachdem diese entfernt sind, kann man das Luftleitblech aus den 4 Haltenasen (2 unten, 2 seitlich) nach oben, seitlich, etwas geschwenkt, den Kühlerschlauch zur Seite drückend herausziehen.
Jetzt kann man auch mit normalem Werkzeug die Spannrolle entspannen und diese mit einem 5mm dicken und mindestens 60mm langen Bolzen in der entspannten Lage arretieren. Die Bohrung für diesen Stift wird unterhalb der Spannrolle frei, sobald diese bis zum Anschlag gegen den Uhrzeigersinn gedreht ist.
Zum Abbau der Visco-Lüfterkupplung benötig man einen Gegenhalter, der an 3 der 4 Schrauben angreift, die die Riemenscheibe auf der Wasserpumpe fixieren. Die Visko-Kupplung ist mit einer Mutter SW36 (Rechtsgewinde) auf der Wasserpumpenwelle aufgeschraubt. Leider ist der Abstand zwischen Rückseite Viskolüfter und den oben genannten 4 Schrauben zu schmal für einen herkömmlichen Gabelschlüssel SW36. Auch hier hat Mercedes ein sehr schmal bauendes Sonderwerkzeug (welches man natürlich auch selbst anfertigen könnte).
Zum Öffnen der Zentralschraube der Kurbelwelle muss gemäß WIS an der Riemenscheibe gegengehalten werden, da der Starterzahnkranz das erforderliche Moment nicht übertragen kann. Auch hierzu gibt es ein aus den Vollen gefrästes Sonderwerkzeug. Die im WIS angesprochene und zwingend erforderliche Verlängerung war ein zöllig Stahlrohr aus meiner Werkstatt. Die alte Zentralschraube hatte einen Innensechskant SW17, die neue wieder einen Sechskant SW27, wie ich ihn von allen meinen bisherigen Mercedes her kenne. Das Losbrechmoment der Zentralschraube lag unterhalb 350 Nm (hatte zum Lösen meinen großen Drehmomentschlüssel auf diesen Wert eingestellt und er hat nicht ausgelöst).
Wenn man die Riemenscheibe wechselt, sollte man gleich den vorderen Simmerring der Kurbelwelle mitwechseln, nicht nur weil man gerade gut drankommt, sondern weil er auf der Riemenscheibe läuft. Da der Dichtring keinen Anschlag im Gehäuse hat und daher „frei im Raum“ montiert werden muss, gibt es wieder ein Sonderwerkzeug – eine Montagehülse. Diese hatte ich leider nicht zur Verfügung und habe mir aus einem Stück Stahlblech, einer Hülse und der alten Zentralschraube eine Montagehilfe gebaut, mit der ich den neuen Simmerring an die richtige Axialposition im Steuergehäusedeckel habe bugsieren und ihn halbwegs rechtwinklig zur Kurbelwellenachse habe ausrichten können. Das Maß der Axialposition habe ich mir über den Abstand zwischen Vorderkante Dichtlippe Simmerring zur Vorderkante Kurbelwellenrad (Antrieb Ölpumpe) herausgemessen und mit den Spuren auf der alten Riemenscheibe abgeglichen.
Die Montage der Zentralschraube erfolgt mit 200Nm plus 90°. Der zwischen Innenkotflügel und Kühlerschlauch für einen Zug zur Verfügung stehende Weg sind maximal 30° und so wirklich Maß nehmen kann man kaum. Bei guten 80° lag ich bei irgendwo zwischen 330 und 340 Nm, einem Wert, der mir von anderen Mercedes-Motoren bekannt ist (je nach Modell 300 bis 330 Nm). Da das Losbrechmoment beim Öffnen unter 350 Nm lag, war die Schraube ab Werk auch nicht fester angezogen – sollte also passen.
Wie oben erwähnt, habe ich noch die Umlenkrolle des Keilrippenriemens gewechselt. In dem Lager hat man die einzelnen libyschen Sandkörner mahlen hören. Hier wird das unveränderte PKW-Teil eingesetzt, bei art-G-rechter Haltung hält die Kapselung des Lagers nicht lange...
Wenn man alle Teile und Werkzeuge parat hat, kann man das Ganze (mit einem Helfer zum Gegenhalten beim Lösen / Anziehen der Zentralschraube) in einer guten Stunde bewerkstelligen. Wenn man sich die Zeit nimmt und noch das eine oder andere Teil mitwechselt oder reinigt (z.B. die Viskokupplung vom Lüfter), dauert’s halt etwas länger.
Gruß