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Einige hier machen ja die sog. Fachpresse für die zunehmende Misere verantwortlich.
Aber erstens steht ja glücklicherweise nicht alles im „Denzel“ und erst recht nicht in den einschlägigen Zeitschriften. Und auch nicht in den Internetforen. Das sollte meiner Meinung nach besser auch so bleiben.
Und zum zweiten ist es auch ein wenig zu kurz gegriffen, diese Publikationen alleine für die aufgetretene Problematik verantwortlich zu machen.
Schon im ersten mir bekannten länderübergreifenden und deutschsprachigen Kompendium der Alpenstraßen (Kurt Mair: Die Hochstraßen der Alpen, hier 1.Auflage aus dem Jahr 1930) sind auch heutige Modestrecken verzeichnet (z.B. Parpaillon). Und zum Col de Larche heißt es in der allerersten Auflage dort wörtlich: „Von dieser Strecke aus sieht man zahlreiche französische Befestigungen, die zum Teil knapp an der Grenze liegen. Eine besondere Erwähnung verdient die Batterie de Viraysse, die 2782 m hoch und das ganze Jahr bewohnt ist. Es führt auch eine Straße zu dieser Befestigung.“
Und ein großer deutscher Automobilclub (ja genau der) hat über etliche Jahre hinweg und mehrere Auflagen in seinem Reiseführer „Alpenpässe und Alpenstraßen“ auch durchaus extremere Sträßchen aufgeführt. Zum Limo-Joch in Südtirol heißt es dort: „ Nur in Nord-Richtung befahren! Eine der schwierigsten Paßstraßen der Alpen. ...steile Schotterstraße aus dem 1. Weltkrieg. Große Steigung in den Kehren. Befahren auf eigene Gefahr. Keine Randsicherung. ...Gefährlichste Strecke zwischen Fanes-Bergsee und Fanes-Tal, 7,5 km lang, mit abbröckelnder Trasse, Rissen und erheblichen Unebenheiten in der Fahrspur. Vier Steilstrecken. Landschaftlich prächtig!“ (ADAC, zweite Auflage aus dem Jahr 1971)
Hinzu kamen natürlich noch die Spezial-Führer wie z.B. „Walther Schaumann: Führer zu den Schauplätzen des Dolomitenkrieges“. Dort heißt es z.B. über die Strecke Pederü – Sennesalpe „Neben extremer Ausgesetztheit und Steilheit (ca. 35 – 38%) bedeutet jede Kurve ein besonderes Gefahrenmoment , ein Anfahren ist in diesen auf der maximalen Steigung kaum mehr möglich, ein Reversieren wegen der Gefahr des Abrutschens und seitlichen Ausbrechens (keine Geländer) nur unter Anwendung äußerster Vorsicht ratsam.“
Lange vor dem Erscheinen von Offroadmagazinen (ab ca. 1980) sowie dem Entstehen von Internetforen (ab ca. 1995) waren die interessanten (teilweise auch gefährlichen) Alpenstraßen und Militärfahrwege also aufgelistet und beschrieben.
Ich hatte damals noch das Glück, all diese Kriegsstraßen aus dem ersten Weltkrieg in den Ostalpen, die schon lange alle gesperrt sind, befahren zu können.
Insgesamt gab es aber seinerzeit – übrigens auch in den Westalpen - wenig Probleme.
Vielleicht, weil es nur wenige Geländefahrzeuge gab? Mal ein alter Landrover oder ein Willys-Jeep noch aus dem 2. Weltkrieg, mit dem der Jäger sich in Murmeltier-Gefilde aufmachte. Oder ne Bultaco oder Garelli , mit welcher der Almhirte unterwegs war. Für den Otto-Normal-Verbraucher im Gebirge mußte sowieso ein Fiat 500 oder ein R4 reichen. Später dann natürlich ein Panda, in der Hardcore-Version als 4x4 natürlich. Ich habe solche Fahrzeuge an den unmöglichsten Stellen vorgefunden. Es war manchmal geradezu beschämend.
Meiner Meinung nach entstanden die Probleme und in Folge die Streckensperrungen erst mit dem Erfolg der Japaner in der Entwickung von Geländewagen und Offroad-Motorrädern. Erst die Verkaufszahlen und der anwachsende Gebrauch eines Suzuki LJ80 (Daihatsu, Mitsubishi etc.) oder einer Yamaha XT 500 (Honda, Kawa etc.) in der Natur (und eben nicht nur vor der großstädtischen Eisdiele) führten zu zunehmenden Spannungen mit Behörden, Bauern und Wanderern in alpinen Gefilden. Hinzu kam das politische Entstehen und Erstarken der Grünen – nicht nur in Deutschland, was u.a. die verstärkte Einrichtung bzw. Ausweitung von Schutzzonen zur Folge hatte. Schließlich hatte auch das wirtschaftliche Interesse der Tourismusbetriebe Ordnungsmaßnahmen zur Folge – z.B. in Gestalt restriktiver Verkehrsregulierungen auf der Seiser Alm in Südtirol, um den Wanderern eine möglichst unberührte Landschaft presentieren zu können und in Folge mit anhaltend hohen Übernachtungszahlen belohnt zu werden.
Einhergehend mit der zahlenmäßigen Zunahme von Offroad-Fahrzeugen im Alpenraum häuften sich natürlich auch Fehlverhaltensweisen der Fahrer.
Nehmen wir als Beispiel den Mont Chaberton, mit seiner Pyramiden-Gestalt und seinen 3136 m sozusagen der „Berg aller Berge“ für Offroader. In den oben erwähnten Alpenstraßen-Führern (Mair und ADAC) war dieses einzigartige Hochziel nicht verzeichnet. Auch in der 13. Auflage des „Denzel“ wird dem Berg noch keine eigene Beschreibung gewidmet. Allerdings gibt es im Reisegebiet Piemont ein kleines Schwarz-Weiß-Foto, aufgenommen in Sauzs d’Oulx mit dem schneebedeckten Chaberton im Hintergrund. Die Bildunterschrift lautet: „Piemont. Das sich durch seine reizvolle Terassenlage auszeichnende Sauze d’Oulx, 1510 m mit dem Mont Chaberton, 3130 m, auf den von Fenils aus ein ehem. Militärsträßchen führt. Diese ist allerdings nur 6 km bis in eine Höhenlage von ca. 2050 m mit Kleinwagen befahrbar, die restlichen 6 km zur ehem. Geschützstellung auf dem Gipfel sind teilweise unterbrochen.“ Das war alles im Jahr 1975 und sozusagen der Startschuss für eine kurze zivile Karriere dieses ehemaligen Militär-Berges. Ich selber habe noch in den 70er Jahren zweimal die Auffahrt mit einem VW-Käfer probiert, bin aber erst in den 80er Jahren mehrmals mit verschiedenen Motorrädern auf dem Gipfel gewesen und konnte auch einmal miterleben wie sich ein paar Geländewagenfreaks aus Deutschland die Gipfelserpentinen hochgearbeitet haben – im wahrsten Sinne des Wortes übrigens, nämlich unter Einsatz von Pickel und Schaufeln auf dem extrem schmalen Fahrweg. Das hat den ganzen Tag gebraucht, hat dem Berg aber garantiert nicht geschadet, im Gegenteil zur Ausbesserung des Fahrweges beigetragen.
Natürlich fand der Berg als das Non-Plus-Ultra auch Eingang in die Motorrad-Szene. Ausführliche Reisereportagen gab es z.B. im „Tourenfahrer“ und den anderen einschlägigen Moped-Zeitschriften. In den 80er und in den 90er Jahren fanden wahre Wallfahrten aus Deutschland ins Susa-Tal und zum Chaberton statt. Im August und September wandelte sich mancher Camping-Platz zum deutschen Heerlager. Irgendein Möchtegern-Geschäftsmann hatte sogar versucht, mit der Anziehungskraft des Chaberton Geld zu verdienen und hatte mit einem Traktor einen Imbißwagen hochzergeln lassen, war aber nicht weit gekommen. Der stand dann einige Zeit ziemlich tot neben der Strecke, ganz im unteren Bereich noch.
Spätestens als dann die Hard-Enduros aufkamen, war das Aus besiegelt. Guter Federungskomfort in Verbindung mit satten PS am Hinterrad verführten manch einen zu unangepaßter Fahrweise, um es vorsichtig zu formulieren. Weniger wohlwollend könnte man auch sagen, daß einige blind den Berg hochgeheizt sind. Daß es dann zu Stürzen oder gefährlichen Begegnungen und Unfällen mit anderen kommt, ist nahezu zwangsläufig und zieht natürlich Reaktionen der Ordnungshüter nach sich. Streckensperrung war die Folge. Veranlassung dazu gaben übrigens häufig auch italienische Enduro- und Crosser-Cliquen, die jedes Wochenende aus Turin ins Susa-Tal einfallen.
Die Carabinieri sollen Berichten zufolge sogar Hubschrauber eingesetzt haben, um die eingesammelten Motorräder zu Tal zu befördern. Die Fahrer mußten in Stiefeln und voller Montur den Heimweg aus eigener Kraft bewältigen. Eine wohl erzieherisch gemeinte Maßnahme. Zuzüglich einer saftigen Geldstrafe natürlich!
Am gravierendsten war jedoch die Zerstörung des Fahrweges durch die grobstolligen Hinterreifen der Motorräder. Hatte ich selber noch Mitte der 70er Jahre mit einem serienmäßen VW-Käfer ganz weit hoch (ohne größere Probleme bis in den Bereich der „Clots des Morts“) fahren können, war Mitte der 90er Jahre für mich mit einem anderen Fahrzeug schon ganz weit unten „Schluß, Ende, Aus“. Aus Jux hatte ich versucht, die Strecke mal mit einem Motorroller (dem „Beiboot“ eines Wohnmobils) anzugehen. Tags zuvor war ich mit dem Roller (125er Piaggio) immerhin problemlos bis zum Colle Someiller gelangt, der ja auch über 3000 m hoch liegt. Aber hier war nichts zu wollen. Der Fahrweg zum Chaberton war schon im untersten Bereich für solch ein Fahrzeug nicht mehr befahrbar. In Crosser-Manier hatten zahlreiche Enduristen die Kurven im Anleger gefahren, so daß sogar der massive Unterbau der Armierungsstraße zerstört war. Den Rest hatte die Errosion des Wassers auf der steilen Straße erledigt. Damit war der Fahrweg auch ungeeignet geworden für die Abhaltung des alljährlichen Volkslaufes – so eine Art Marathonlauf auf einen Dreitausender. Und speziell in Vorbereitung dieses Laufes war der Fahrweg immer im August wieder hergerichtet worden, ja sogar für kleine Ambulanzfahrzeuge befahrbar gemacht worden inclusive Ausbesserung der Engstellen. Kein Volkslauf – keine Reparaturarbeiten am Weg. Kein Verfall sondern mutwillige Zerstörung einer massiven Militärstraße, welche vorher Jahrzehnte überdauert hatte. Das Ende.
Weniger dramatisch und weniger sichtbar findet dieser Errosionsprozeß (nicht der Wege sondern der Befahrungsmöglichkeiten) im gesamten Alpenraum statt. In diesem Forum bekannt (und mehrfach kontrovers diskutiert) sind Tagliamento und Tremalzo. Letzterer ist zudem ein Paradebeispiel für Spannungen von Touri-Nutzern untereinander: 4x4er versus Enduristen versus Mountainbiker. Einheimische Bergbauern oder einfache Wanderer habe ich dort jedenfalls noch nie gesehen. Verloren haben die Mopedfahrer als erste (aus denselben Gründen wie am Chaberton), als nächstes sind die Geländewagenfahrer dran.
Die Grund-Problematik ist jedenfalls immer dieselbe: Überfrequentierung und mangelndes Verantwortungsbewußtsein einiger weniger. Ausbaden müssen es leider auch diejenigen, die sich an der Landschaft erfreuen wollen und gerne auch mal rechts ranfahren und den Motor ausmachen, wenn jemand entgegenkommt. Wenn dann noch die Seitenscheibe unten ist und man den Entgegenkommenden in der Landessprache grüßen kann (vielleicht sogar sich unterhalten kann), hat man jedenfalls von sich aus aktiv etwas getan. Sicherlich keine Lösung für alles aber ein Ansatz.
Auch eine freundliche Ansprach von „schwarzen Schafen“ sollte man nicht scheuen, wenns auch erfahrensgemäß bei ausgeprägten Idioten nichts bringt.
Und im übrigen bin ich strikt gegen eine Weitergabe von exakten Zufahrtsbeschreibungen und GPS-Koordinaten und das Breittreten von Geheimtips. Gegen einen Bericht über eine schöne Reise und entsprechende Fotos ist nichts einzuwenden. Aber mehr eben nicht. Wenn sich jemand selbst mit der Gegend beschäftigen will, dann soll er sich entsprechende Karten besorgen und hinfahren und seinen Weg selber suchen. Und zwar alleine oder allenfalls in einer kleinen (!) Gruppe. Wer dazu nicht in Lage ist, sollte besser in der heimischen Kiesgrube bleiben oder mit Neckermann irgendwohin fliegen.
(Uups – langer Beitrag, mußte ich mir aber mal von der Seele schreiben)
mfG
Rainer
Vor der Hacke ist es dunkel. (Bergmanns-Spruch)
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