Kriegstourismus ist nichts neues. Weder individuell noch organisiert. Schon wenige Jahre nach Kriegsende fuhren Autobusse über die Schlachtfelder von Verdun.
Und nach den Überlebenden und Hinterbliebenen kamen die Neugierigen und diejenigen, die einen Hauch des Grauens selber verspüren wollten. Pervers? Ich würde eher meinen, menschlich.
Und wenn die Schlachtfelder von Verdun zunächst nur den Franzosen und ihren Allierten zugänglich waren, so wurden später auch Besuche von Deutschen wieder möglich – mit dem Ziel des Gedenkens und einer Verständigung der Völker.

Ich zitiere hier mal eine kurze Passage aus dem Werk „Verdun – das große Gericht“ von P.C. Ettighofer, einem Frontkämpfer vor Verdun und rechtskonservativen, völkischen Positionen zugeneigten Autor, aus dem Elsaß stammend.

Verdun, 12.Juli 1936:
„Voller Erwartungen unternahmen wir 500 deutsche Frontkämpfer diese Fahrt, die uns nicht nur zu unseren toten Brüdern führen sollte, sondern auch mit den Männern von der Gegenseite bekannt machen mußte. Wir haben sie gekannt, die Männer von der Gegenseite, den Stahlhelm auf dem Kopf, das Gewehr in der Faust, die Mündung eiskalt auf uns gerichtet. Und nun sollten wir sie sehen im schlichten Kleid des Bürgers und des friedliebenden Menschen, die Hände ausgestreckt zum Willkommensgruß.
...
Und dann waren wir vor dem Gebeinhaus, schwenkten eine breite Treppe hinan und betraten den gewaltigen Friedhof. Wir stellten uns ganz vorn auf, wo die Flamme der Erinnerung flackerte, das heilige Feuer, am Grabmal des unbekannten Soldaten entzündet und durch Frontkämpferstaffetten bis hierher gebracht. Langsam schlug die Glocke vom Turm des Gebeinhauses, und dann schütterte ein Kanonenschuß über das Schlachtfeld hin. In den Sprachen der hier anwesenden Frontkämpfer legten die Tausende vor den Gebeinen der Toten den Schwur ab, den Weltfrieden zu halten und zu schützen. Und in allen Sprachen Europas hallte es nacheinander weithin durch die Nacht: „Wir schwören es!“ Und nun erlosch das Licht. Nur noch die kleine Flamme der Erinnerung brannte.“

Nur drei Jahre später war wieder Krieg in Europa und es ging auch wieder gegen Frankreich!
Offensichtlich reicht eine kleine Flamme nicht aus, den Schrecken des Krieges ausreichend zu beleuchten, damit er von den Menschen dauerhaft wahrgenommen werden kann, in Erinnerung bleibt und im politischen Bewußtsein verankert. Und im Jahr 1936 war der Krieg ja nicht einmal 20 Jahre her und viele, viele Menschen hatten das Grauen selbst erlebt, mit Glück überlebt.

Und deshalb habe ich meinen Abstecher nach Verdun auch nicht nur aus touristischen Gründen unternommen, übrigens schon vor 3 Jahren. Ich würde auch gerne besser verstehen, was immer wieder schiefläuft mit dem Frieden und da ist mir der Verweis auf kapitalistische Kriegstreiberei und reaktionäres Strippenziehertum, wiewohl in vielfacher Hinsicht zutreffend, nicht ausreichend. Insofern beschäftigt mich die Thematik eben nicht nur touristisch und deshalb habe ich mir auch erlaubt, sie aus Anlaß des diesjährigen Volkstrauertages hier einzubringen. Obwohl es eines solchen Anlasses ja eigentlich nicht bedarf.

mfG
Rainer


Vor der Hacke ist es dunkel. (Bergmanns-Spruch)